Ein Produkt der Selbstentblößung

Da ich gerade irgendwie ein bisschen in Eile bin*, schummle ich heute mal ein wenig und nehme was „Altes“…

*(Freizeitstress: Ich fahre morgen für eine Woche in den Süden!)

Damals noch weit davon entfernt, selbst einen zu eröffnen, hatte ich das Thema „Blog“ in meiner Diplomarbeit kurz angeschnitten. Hier ein bisschen was daraus.

Die Entwicklung hin zu individuellen Erzählungen der Wirklichkeit und deren zunehmende Verbreitung, z.B. als „Online-Tagbücher“, kommt nicht aus dem Nichts sondern war gewissermaßen voraussehbar.
Man kann sie als logische Konsequenz einer Bewegung sehen, die schon im 16. Jahrhundert begann. Damals verlagerte sich die Aufmerksamkeit mehr und mehr auf das Individuum. Den Beschreibungen des Alltags aus einer subjektiven Weltsicht heraus wurde ein besonderer dokumentarischer Wert zugesprochen. Der Essay-Schreiber Michel Eyquem de Montagne (1522-1592) glaubt, dass Reflexionen über Erfahrenes und Erlebtes einen tiefgehenden Aufschluss über den Menschen ermöglichen könnten. In der Literatur verbreiteten sich damals als neue Formen die Autobiografie und das Tagebuch, dementsprechend wurde in der Kunst das Selbstportrait Mode.
Schon zu dieser Zeit entstand die Idee von Individualität als Authentizität, Wahrhaftigkeit und Selbstdarstellung, die sich heute im Blog wieder finden kann. Auch in der „Jungen Literatur“ sind das eigene Leben und der Alltag mitsamt seinen“Banalitäten“ gerne Thema. Die „Popliteraten“ zum Beispiel vermittelten so ihr typisches Lebensgefühl und verstärkten den Gedanken, dass „Jedermanns Senf“ ein wichtiger Beitrag für die Welt und ein Dokument der Gegenwart ist. Sie eignen sich gut als Vorbilder für Blogger. Einstige formale Regeln spielen keine große Rolle mehr, es wird einfach mit der Tastatur drauf losgequatscht. Alles was gefällt ist erlaubt. (Natürlich auch, was nicht gefällt, aber wen interessiert’s?).

Wolfgang Kraus („Das erzählte Selbst“) geht davon aus, dass wir im Netz die Person sind, die wir durch unsere Narrationen konstruieren können. Diese Narrationen sind dabei keine rein „individuellen Besitztümer“ sondern „Produkte des sozialen Austausches“. Das liegt daran, dass unsere selbstdarstellenden Erzählungen meist mehr oder weniger „mediale Geschichten“ sind.
In diesen Narrationen geht es häufig um Filme, Fernsehsendungen, Musik, Bücher, Internetseiten, Spiele und Comics. Anhand der Erzählung dieser „individuell-kollektiven“ Geschichten und einer Reaktion darauf wird nach Kraus der eigene Identitätsentwurf gefestigt und bestätigt. Der Blog oder das Teilen von „Inhalten“ innerhalb einer Community hilft also dabei, die eigene Identität zu präsentieren und dafür Feedback zu erhalten.

Kann das jemand bestätigen? Ich bin mir nicht sicher und hoffe auf einen Kommentar, der meine Identität festigt! Sehr gern auch Selbsterfahrungsberichte! Schüchterne und Verfestigungsflüchtlinge dürfen sich natürlich immer auch incognito per Mail dazu äußern!

Diese Identität wird dabei meist wie eine Collage erschaffen: Man schreibt nicht nur etwas, sondern verlinkt seine Seite oder sein Profil auch mit allen möglichen anderen Seiten, also allgemein zugänglichen und oft bekannten Medieninhalten, die einem etwas bedeuten, und über deren Integration in den Alltag sich neue, mediale Geschichten entwickeln können.

Richard Sennett schreibt, dass wir immer mehr glauben, dass Gemeinschaft ein Produkt der Selbstentblößung sei. Und dass wir denken, die Qualifikation einer Person erst erkennen zu können, wenn wir auch etwas über ihre Persönlichkeit erfahren, also wissen, wie sie lebt, was für Werte sie hat, etc. Er meint, dass wir vorwiegend nach dem urteilen, was für ein Mensch jemand ist, hinter der „Fassade“, im Privaten. Was er tut, was er vertritt oder welchen Nutzen er bringt, ist zweitrangig.

In diesem Fall werden Personen wichtiger als das, wofür sie stehen. Sympathien entwickeln sich zuerst anhand der Persönlichkeit und danach vielleicht anhand der Ideen. Das kann man auch in der Politik beobachten.

Ein Manager in Selbst-Entblösungsfragen ist also von unvergleichlichem Wert heutzutage! Sonst könnte der Seelenstriptrip nach hinten losgehen…

Ich bleibe dennoch bei meinem Jugend-Motto: „Amüsieren verbindet sich automatisch mit blamieren!“

Darum verkörpert mein Blog auf aufrichtigste Weise die Idee von Authentizität und Wahrhaftigkeit!!!

Allzeit aufbruchsbereit

Die Schnelllebigkeit, die Flexibilität, der ewige Datenfluss, das Bewusstsein, dass irgendwo immer Tag ist und es auch ohne einen weiter geht, das alles vermittelt den Eindruck, dass es wichtig ist, allzeit bereit zu sein, genauer: allzeit aufbruchsbereit.

Auch wenn man gerade recht bequem sitzt, sollte man bloß nicht faul werden, bloß nicht zu sehr verweilen, oder zumindest dabei die anderen Optionen im Auge behalten!
Aufbruchsbereit zu sein heißt darum auch, immer auf der Lauer zu liegen und rechtzeitig den Absprung zu schaffen, im Zweifel voreilig.
Denn wer schneller aufspringt ist auch eher vorn oder sogar der Erste! Und auch schneller weg, wenn es Ärger gibt!

Also haben wir unser Survivalpack immer dabei. Alles, um von jetzt auf gleich zu verschwinden oder einen anderen Weg zu nehmen als geplant, in den Süden statt in den Norden oder umgekehrt. Wenn man weit kommen will, dann muss man überall hin! Ballast muss abgeworfen werden. Bloß keine Sentimentalität! Bloß nicht an Dingen hängen, die nicht bzw. nirgends reinpassen! Das wichtigste ist klein, maßgeschneidert fürs Handgepäck, Notebooks, iPhone & Co. Und dann los, ohne schlimme Abschiedsszene, denn im World Wide We sieht man sich wieder, darin geht so einfach keiner verloren!

Die permanente Aufbruchbereitschaft ist also nützlich, mehr noch, notwendig! Auch wenn es meist bei nur bei einem hibbeligen Gefühl bleibt, durch das man auf dem Stuhl hin und her rutscht, auf die Tür oder das Telefon starrt, während das andere Leben dann doch nie anklopft. Aber so ist das nun mal. Man lebt auf dem Sprung, sonst trifft man kein Sprungbrett, und manchmal ist es auch ganz angenehm, sich damit zu rechtfertigen, wenn man sich nicht festlegen kann, festlegen will.

Vielleicht, weil eine nicht so ganz erklärbare Angst existiert, die einen davor warnt, in einem Leben haften zu bleiben, das vielleicht nicht die beste Option war. Und dann ist da, ganz gut versteckt, auch noch das Bewusstsein, dass es dumm ist, sich für eine Sache zu entscheiden und nur auf diese eine Sache zu setzen, da es keine Garantie gibt, dass alles gut gehen wird. Und bevor man leer ausgeht, also gar nichts mehr hat, nur sich selbst, und keine Ablenkung, ist es besser, den Plan C, D und E in petto zu haben, am Besten ohne Prioritäten untereinander. Und außerdem offen zu sein, für unbekannte Pläne. Dann wird schon irgendwas klappen! Wenn nicht, kann man sich wenigstens sagen, dass man ja auch nicht so richtig überzeugt war, und da eher reingeraten ist, sich also nicht bewusst dafür entscheiden hat, was ja auch stimmt, denn es gab ja auch den Plan Y, und bei so vielen Optionen kann man ja nicht erwarten, dass jede durchdacht ist…

Sowieso, wie soll man sich auch entscheiden, wie soll man wissen, was einem gut tut oder richtig ist, oder in welchem Leben man wirklich ankommen will, oder ob man überhaupt ankommen will, bevor man alles mal ausprobiert und kennen gelernt hat! Die Welt ist doch so voller Farben, Bilder und Möglichkeiten… Mein Gott, da ist ja noch eine Menge zu tun, schnell einen Zahn zulegen! Zum Glück hat man seine Aufbruchsbereitschaft immer mehr kultiviert, denn wenn man nicht flink ist, zu viel schaut und anhält, braucht man am Ende ein ganzes Leben, bis man auch nur ansatzweise alles kennen gelernt hat und wissen kann, was das Beste für einen ist…

Wie blöd nur, dass es immer weniger gibt, was einen fesselt, und man gar nicht das Gefühl hat, jetzt eher zu wissen, was man mag oder wo(mit) man es gut aushält, und dabei ist der Berg vor einem nicht mal wirklich kleiner geworden… Aber jetzt hat die Uhr (oder die Bombe?) schon angefangen zu ticken, also nicht nachdenken, das hält nur auf, schnell weiter, auf geht’s, los!

Weltflucht und kultivierte Ignoranz

Anhand der Reizüberflutung und dem Überangebot an allem, auch an Kultur, an Filmen, an Büchern etc., muss man, wenn man dennoch gern etwas hinzufügen möchte, Strategien entwickeln, um sich nicht erschlagen und entmutigen zu lassen.

Man kann zum Beispiel Weltflucht betreiben, indem man irgendwo in die Pampa zieht, wo sonst keiner ist, dann vergisst man auch mit der Zeit, dass es überhaupt noch andere gibt.

In der Ungestörtheit kann man seinen Gedanken freien Lauf lassen, man kann neue Konzepte und fantastische Ideen entwickeln, aber vielleicht auch Paranoia oder andere psychische Störungen. Aber selbst das kann interessant sein – aufschürfend, abgrundtief – und vielleicht zu außergewöhnlichen Extremerfahrungen führen, die man anschließend emotional unterstimulierten Wohlstandskindern näher bringen kann. Der Durchbruch ist dann gewiss!

Aber vielleicht kommt es auch anders, und es passiert einfach gar nichts, oder noch schlimmer, man wird langsam aber sicher weltfremd. So weltfremd, dass man den Draht verliert nach draußen und einfach keine Ahnung mehr hat, was in den Welt und in den Menschen vor sich geht. Was zur Folge hat, dass man nicht mehr in der Lage ist, das Lebensgefühl der eigenen Generation zu beschreiben, welche sich doch als Zielgruppe Nr. 1 im Werk wieder finden sollte…

In Maßen ist Weltflucht aber sicher nicht schlecht, auch weil der Blick aus der Ferne, der Perspektivwechsel, so manche neue Erkenntnis oder neue Betrachtungsweise mit sich bringt, und man diese dann endlich mal ungestört, ohne Ablenkung, ohne Lärm, ohne Menschen, ohne Verlockungen in einem Werk umsetzen kann!

Außer Weltflucht zu betreiben hilft in der Überfülle der Urbanität, in der nicht abreißenden Informationsflut und der allgegenwärtigen Medienrealität vielleicht auch eine streng kultivierte Ignoranz, ein Tunnelblick, der sich auf eine winzige, kaum wahrnehmbare Lücke konzentriert.

Mein Fahrlehrer sagte immer, wenn du irgendwo nicht drauf fahren willst, sondern ausweichen, dann schau da bloß nicht drauf! Wo man hinschaut, fährt man automatisch drauf! Schau einfach dazwischen durch, auf die Lücke, dann hast du freie Fahrt, dann gibt’s keinen Zusammenstoß!

Auch wenn ich das beim Autofahren nur mit Mühe hinbekomme und schnell mal irgendwo drauf fahre (bzw. Panik habe, dass es gleich passiert), versuche ich mich zumindest beim „Kreativen Schaffen“ daran zu halten.

Ich schau einfach dazwischen durch. Zwischen den Massen, den Bildern, den Buchstaben, den vielen Einsen und Nullen.
Ich mach mich dünn(e) und geb‘ Gas!

Mal sehen, wo die Reise hinführt…
Ich hoffe, irgendwann auch raus aus dem Tunnel!

Null

Heute ist nur Raum für lose in der Luft hängende Sätze, für Halbgedanken, die sonst flinken Partikel im Gehirn sind unsportlich, sie hängen in den Seilen, wollen heute nicht, halten nicht durch, alles wird nur angefangen, nichts zu Ende gebracht, nichts zu Ende gedacht, nichts überzeugt, nichts fängt Feuer, und so ist das nun mal, manchmal, das ist ganz normal, das ist das ganz normale Leben, erst die Einfallslosigkeit, dann die Lustlosigkeit, vielleicht aus Müdigkeit, aber hinterfragen lohnt sich nicht, und dann stochert der halbherzige Elan im Dunkeln, ein stehendes Gewässer, darüber Himmel, eintönig, aber schlimm ist das nicht, es ist nicht tragisch, das ist das Unerträgliche daran, dieses Nichts, diese Seichtigkeit, der fehlende Ausschlag, weder nach unten, noch nach oben, die 0 auf der Skala, das Totale an der Banalität, die Durchschnittlichkeit, Alltag eben, das Ticken der Uhr, halb so wild, mehr nicht.

Recycelte Dichtung

Heute ist mal wieder Kaiser-Wilhelm-Zeit. Um nicht von seinem ohrenbetäubenden Tuten aus dem Schlaf gerissen zu werden, welches er meist genau vor meinem Fenster ausstößt (mit Dampfwolke!), stehe ich inzwischen samstags, unabhängig von den vorabendlichen Aktivitäten, spätestens kurz vor 9 Uhr auf.

Während sein Tuten sich in einem wellenartigen Echo die Elbe hinab windet, ertönt gleichzeitig das für meine Ohren ziemlich unerträgliche Dampf-Geräusch des Antriebs. Es klingt, als würde etwas gewaltsam eingesaugt, aufgekocht, zerteilt und ausgespuckt…

fffffschlschsssfffffffflllsssschschfffsssssschslffflllsschlschsssfff…

Wer sind wohl die Leute, frage ich mich dann, die morgens um 9 Uhr schon auf so einem Schiff herumfahren und dieses Geräusch ohne Gänsehaut ertragen? Gisela, Hannelore, Norbert und Dieter?

Dieter! Eine Assoziationskette.
Denn dazu fällt mir ein, dass ich letztes Jahr bei einem Wettbewerb zum Thema „Über die Dichtung“ mitgemacht habe. Ausgeschrieben hatte den Wettbewerb ein Hersteller von Dichtungsmaterial. Nach dem Motto „Wir sind ebenfalls Dichter“.
Der Titel meines Gedichts war „Dieter“.

Leider habe ich nichts gewonnen. Denn: Es gewann nur ernst gemeinte Dichtung!

Wild, wirr, melancholisch, sinnlich, wehmütig, „Blut“ oder „Fleisch“ erwähnend, oder sich zumindest reimend. Ich glaube überall war das Dichten selbst Thema. (Aha, darauf wollten die Macher also hinaus…)

Die Gewinner waren also richtige Dichter, wahre Künstlernaturen!!!!!
Da kann ich leider nicht mithalten.

Weil man im Leben aber ungern Dinge völlig vergeblich macht, nutze ich die Gelegenheit, mein Dichtungs-Gedicht extra für Euch noch mal ganz privat zu veröffentlichen!

Dieter

Er war nicht vorteilhaft abgedichtet,
auf dem Foto, das er mir schickte –
mit Dichtungsringen unter den Augen,
schielte er in zwei verschiedene Dichtungen.

Doch die helle Farbe dieser Augen
ließen sein Gedicht strahlen,
und so dichtete ich nicht weiter
über sein dicht gewordenes Haar.

Er lud mich kurzerhand zum Essen ein,
und kochte uns ein exotisches Gedicht.
Und wie Irrdichter bei Nacht und Nebel
erkundeten wir dichtungslos unsere Herzen.

Er war der Dichtspalt in der Nacht,
der unter meiner Tür ins Zimmer lugt.
Die Dichtung in einem dunklen Wald,
auf der einen die Sonne lieblich kitzelt.

Doch als wir gemeinsam begannen,
uns eine Wohnung einzudichten,
fraß die Uneinigkeit unsere Liebe,
wie ein Aktenverdichter das Papier.

Das Schönste was von uns blieb,
waren ein paar Doppelbedichtungen,
kein Kautschuk konnte die Zukunft kitten,
die wir uns einst erdichtet hatten…

Sofort lieferbar? Erwachsen? Reif? Spam als Anstoß zum Hinterfragen (Teil 2)

Gestern habe ich mir ein paar Gedanken über den Betreff  einer Mail aus dem Spam-Ordner gemacht („Sie sind arbeitslos?“).

Heute hat mich deren Inhalt zu weiterem Nachdenken über wichtige Fragen des Lebens geführt, und zwar in einer derart ausschweifenden Weise, die man nicht erwarten würde, wenn man bedenkt, dass ausgerechnet Spam mich dazu verleitet hat!!!

So ist mir die eigentliche Gefahr von Spam bewusst geworden. Er regt zu sehr zum Nachdenken an und lenkt die Leute vom Arbeiten ab! Wie gut, dass der meiste Spam sofort im Papierkorb landet, sonst käme promt die nächste Wirtschaftskrise!

Aber nun zurück zum Thema:

Das Stellenangebot in der Mail mit dem Betreff „Sie sind arbeitslos?“ lautete:

Die Vakanz,
Ein internationaler Betreiber und Händler von Bergbau.
Wir suchen für die Helfer für den Zoll-Manager in der gesamten Europäischen Union.
Wir bieten einen Arbeitsvertrag.
Training durch die Gesellschaft.
Hohe Gehälter und Provisionen.
Sie müssen erwachsen sein, den Aufenthalt in der gesamten Europäischen Union, sofort lieferbar, keine Erfahrung erforderlich, Unterlagen müssen in Ordnung sein.

Für weiter Informationen mussen Sie kontaktieren und senden Ihre CV an
info@deutschland-arbeit.com

Dieses Angebot lässt einen mehrfach schmunzeln:

„Training durch die Gesellschaft“:

Natürlich ist damit der Betrieb gemeint, aber wie würde wohl ein Training durch die Gesellschaft, in der wir tagtäglich leben, aussehen?

Bzw. trainieren wir nicht ohnehin jeden Tag, indem wir in dieser Gesellschaft leben und unser Glück zu machen versuchen?

Dann „Sofort lieferbar“:

Ein schönes Sinnbild für das Gefühl, dass Arbeitskräfte heutzutage zu einer Art Ware geworden sind. Es wird um sie gefeilscht, man kann sie aber auch problemlos ersetzen, wenn sie nicht mehr richtig funktionieren.

Besonders bemerkenswert finde ich allerdings die Anforderung

„Sie müssen erwachsen sein“

Denn ist es nicht schwer, ein klares Kriterium dafür zu finden, wann und warum jemand erwachsen ist? Was ist die genaue Definition dafür? Und kann man das vielleicht testen?

Im Duden findet sich die Beschreibung: dem Jugendalter entwachsen; volljährig

Aber ganz so einfach, dass man mit 18 Jahren eben plötzlich erwachsen ist, scheint es dann doch nicht zu sein.

So taucht z.B. bei gutefrage.net auf: „Was ist das eigentlich: Erwachsen sein?“

Auch in Psychologieforen ist das Thema sehr beliebt. Die Meinungen dazu sind vielfältig, ebenso darüber, ob Erwachsensein positiv oder negativ ist.

woxikon.de schreibt:

Ein Erwachsener ist ein Mensch, der ein bestimmtes Alter überschritten hat und somit nicht mehr als Kind oder Jugendlicher gilt. Er oder sie hat das Stadium der körperlichen und geistigen Reife erreicht.

Wikipedia schwächt dies ein wenig ab:

Ein Erwachsener bzw. eine Erwachsene ist ein Mensch, der ein bestimmtes Alter überschritten hat und bei dem man deshalb davon ausgeht, dass er die volle körperliche und kognitive Reife besitzt.

Diese Einschränkung von Wikipedia weist darauf hin, dass nicht jeder, der aufgrund seines Alters als erwachsen gelten kann, sich auch besonders erwachsen benehmen muss.

„Werd‘ endlich erwachsen!“ können sich also auch 80-Jährige im Streit an den Kopf werfen.

Die vollständige „Reife“ erreicht zu haben ist aber wohl ein grundsätzliches Element des Erwachsenseins. Auch im Duden finden sich neben den Synonymen „ausgewachsen, mündig, selbstständig, vernünftig, volljährig“ auch die Begriffe „voll entwickelt“ und „reif“.

Nur führt das auch nicht gerade zu eindeutigen Kriterien. Denn was macht nun wiederum einen reifen, voll entwickelten Menschen aus?

Ist z.B. das Abitur, auch „Reifeprüfung“ genannt, wirklich das Zeugnis einer bestimmten Reife? Hat Reife also vor allem mit einem gewissen Bildungsgrad, mit einem bestimmten Grad an Allgemeinbildung zu tun? Und sind somit Menschen, die Abseits der Zivilisation im Nirgendwo leben und kaum etwas vom Weltgeschehen mitbekommen, darum weniger befähigt, Reife zu erlangen?

Auf www.psychology48.com findet sich diese Definition von Reife:

„Reife bezeichnet […] drei verschiedene Lebensstufen des Menschen. Die Geschlechtsreife (Pubertät) ist in unserer gegenwärtigen Kulturwelt zwischen 13 und 16 Jahren erreicht. Sie bedeutet aber noch nicht die soziale Reife, die erst nach der Adoleszenz zwischen dem 20. und 25. Jahr eintritt. Wenn man jedoch von »reifen« Menschen spricht, denkt man an den Lebensabschnitt nach dem 40. Jahr. Hier ist also eine charakterliche und geistige Reife gemeint, eine Fähigkeit, trotz aller eigenen Wünsche die Realität zu erkennen und nicht mehr nach den Leidenschaften, sondern nach der Vernunft zu handeln.“

„Soziale Reife“, „charakterliche Reife“, „geistige Reife“. Auch hier wieder nur schwammige Begriffe auf, die viel offen lassen. Und Definitionen, die meiner Erfahrung widersprechen, nämlich dass Reife – ebenso wie erwachsenes Verhalten – sich (ausschließlich) an einem bestimmten Alter festmachen lassen.

Der letzte Satz, dass man als reifer (quasi erwachsener) Mensch fähig ist „trotz aller eigenen Wünsche die Realität zu erkennen und nicht mehr nach den Leidenschaften, sondern nach der Vernunft zu handeln“, bestätigt außerdem die Befürchtungen, die vor allem Jugendliche haben, wenn sie sich schwören, nie erwachsene werden zu wollen.

Hiernach träumen reife Menschen nicht mehr, sie haben ihre Naivität eingebüßt, sie haben ihren Elan und ihre Leidenschaft verloren und handeln nur noch rational. Das klingt ernüchternd und spornt einen nicht gerade dazu an, reif werden zu wollen.

Sind also Vernunft und Disziplin wirklich das treffende Synonym für Reife? Oder sind sie nur ein kleiner Teil der Qualitäten, die man als voll entwickelter Mensch, bzw. als Ideal von eben diesem, besitzen muss?

Muss ein erwachsener Mensch tatsächlich seine emotionale Seite unterdrücken, oder kann sie ihm auch von Nutzen sein?

In vielen Forumsdiskussionen tauchten bei der Definition erwachsener und reifer Eigenschaften neben Verantwortungsbewusstsein oder Selbstständigkeit auch viele emotionale Kompetenzen wie Einfühlungsvermögen oder Fairness auf.

Da fiel mir plötzlich der Ausdruck „Emotionale Intelligenz“ ein, der nach der Veröffentlichung des gleichnamigen Buches von Daniel Goleman (1995) in aller Munde war und neue „Tugenden“ geschaffen hat.

Goleman wandte sich mit seinem Konzept der emotionalen Intelligenz gegen die seiner Meinung nach einseitig favorisierte rationale Intelligenzform (welche in der Reifebeschreibung von www.psychology48.com ja gerade als besonders “reif“ angesehen wird.)

Ist ein erwachsener, reifer Mensch also vielleicht jemand, der eine besonders große emotionale Intelligenz besitzt?

Der Vorteil des Begriffs „Emotionale Intelligenz“ gegenüber dem der „Reife“ oder dem „Erwachsensein“ ist, dass er mehrfach definiert wurde.

Bei Goleman sind die Grundpfeiler der emotionalen Intelligenz:

Selbstbewusstheit: Sie befähigt den Menschen, die eigenen Stimmungen, Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, zu akzeptieren und zu verstehen. Sie beinhaltet, sich selbst kennen zu lernen, positive und negative Seiten wie auch Verhaltensmuster, um zu einer realistischen Einschätzung zu gelangen. Dadurch befähigt sie einen, die Wirkung der eigenen Stimmungen, Gefühle und Bedürfnisse auf andere beurteilen zu können.

Selbstmotivation: Sie macht den Menschen begeisterungsfähig für seine Arbeit, Berufung oder eine andere Tätigkeit, welcher er dann unabhängig von finanziellen Anreizen oder Status nachgeht. Er ist von niemand anderem „angefeuert“ als von sich selbst.

Selbststeuerung: Sie macht es möglich, bei Handlungen und der Verfolgung von Zielen, die Zeit und die eigenen Ressourcen planvoll zu verwalten. Dazu gehört auch, die eigenen Gefühle und Stimmungen durch einen inneren Dialog positiv zu beeinflussen.

Empathie: Das ist die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, ihre emotionalen Zustände und Befindlichkeiten zu verstehen, auch wenn sie anders „gestrickt“ sind als man selbst, und dadurch auch fähig zu sein, passend auf ihre Emotionen zu reagieren.

Soziale Kompetenz: Sie befähigt uns, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, sowie aktiv tragfähige und dauerhafte Beziehungen aufzubauen und mögliche Krisen zu bewältigen.

Nach den Erfindern des Begriffs der Emotionalen Intelligenz (1990), Salovey und Mayer, gibt es vier Grundpfeiler für die emotionale Intelligenz:

Wahrnehmung von Emotionen: Damit ist Fähigkeit gemeint, anhand der Mimik, Gestik, der Körperhaltung und der Stimme einer anderen Personen zu erkennen, in welcher Gemütslage sie ist.

Verwendung von Emotionen zur Unterstützung des Denkens:  Hier werden Erfahrung und Wissen, das man sich über die Zusammenhänge zwischen Emotionen und Gedanken angeeignet hat, zum Problemlösen oder anderen Aufgabestellungen genutzt.

Verstehen von Emotionen: Hier geht es darum, die eigenen Emotionen zu analysieren, sie zu erkennen und auch gleich einzuschätzen, inwiefern oder warum sie veränderbar sind, z.B. wechselhaft oder nur vorübergehend. Wenn unterschiedliche Emotionen zusammenwirken, ist es wichtig, sie einzeln identifizieren zu können. Dadurch lässt sich besser verstehen, welche Konsequenzen bestimmte Emotionen nach sich ziehen können oder müssen.

Umgang mit Emotionen: Der bewusste Umgang mit Emotionen ist darauf ausgerichtet, durch die Beeinflussung der eigenen Gefühle negative und unerwünschte Zustände zu verändern und so z.B. Ziele besser zu erreichen. In hypothetischen Szenarien kann erprobt werden, welche Gefühle bestimmte Umstände auslösen, und wie man sie in positiver Weise beeinflussen kann. Unerwünschte, problematische Gefühle können dadurch besser vermieden werden.

So, das wären jetzt schonmal ein paar Stichpunkte, die wie geschaffen dazu sind, euch zu ein paar Selbstanalyse-Spielchen anzuregen. Über die Ergebnisse könnt ihr mich gern informieren 🙂

Da mir jetzt aber etwas der Kopf brummt und ich langsam das Gefühl habe, allzu theoretisch zu werden, folgt zum „Runterkommen“ eine Art Sammelsurium von Stichworten, die mir Zusammenhang mit der Beschreibung  emotionaler Intelligenz begegnet sind:

Konfliktmanagement, Kritikfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Motivationsfähigkeit, Selbstkenntnis, Menschlichkeit, Takt, Höflichkeit

Eigene Gefühle wahrnehmen, auf sie achten, ohne sich von ihnen fortreißen zu lassen. Gefühle also nicht unterdrücken und trotzdem emotionale Stabilität bewahren.

Fähig sein, Gefühle und Stimmungen zu managen, sie angemessen zu handhaben, mit ihnen umgehen zu können. (Nicht das Vorhandensein von Gefühlen, sondern erst der bewusste Umgang mit ihnen macht die emotionale Intelligenz aus)

Beziehungen gut handhaben

Konflikte konstruktiv meistern

Aktiv zuhören

Mitmenschen akzeptieren so wie sie sind, anderen Menschen ihre Persönlichkeit zugestehen

Na ja.

Das klingt ja an sich alles recht „vernünftig“. Und ich muss zugeben, dass die meisten Probleme, die mir begegnet sind, tatsächlich damit zu tun hatten, dass mit Gefühlen nicht offen, gar nicht oder zu indirket umgegangen wurde. Dazu kam meist schlechte Kommunikation, vor allem schlechte oder indirekte Kommunikation bezüglich Gefühlen. (Und so hat sich ein Anknüpfungspunkt zum gestrigen Thema gefunden!)

Es ist ganz offensichtlich einfacher, sich auf rationaler Ebene richtitg zu verstehen, als auf emotionaler Ebene, wo leichter Mißverständnisse auftauchen und man nicht so leicht klare Daten und Fakten zur Aufklärung heranziehen kann.

Es ist also wahrscheinlich gar nicht so dumm, die emotionale Intelligenz etwas zu schulen! Studien zufolge leben emotional intelligente Menschen jedenfalls zufriedener und ausgeglichener, sie haben meist ihr berufliches UND privates Glück gefunden.

Die Entwicklung emotionaler Intelligenz scheint mir darum  generell schon ein Schritt in Richtung Reife,  ebenso wie ein Verhalten gemäß der „EQ-Tugenden“ bestimmt als erwachsenes wenn nicht gar vorbildliches Verhalten durchgehen würde.

Befremdlich ist trotzdem das häufige Auftauchen des Wortes „Management“ im Zusammenhang mit dem Thema. „Gefühle managen“, „Konfliktmanagement“…

Wie würdet ihr es finden, wenn euer Freund/ eure Freundin ein klärendes Gespräch mit dem Satz „Ich finde, wir sollten mal unser Beziehungsmanagement überdenken!“ beginnt?

Auch wenn Krisen, Streit und Missverständnisse immer ziemlich scheisse sind, scheint mir ein gelegentliches menschliches Versagen besser, als emotional vollkommen zu „funktionieren“.

Wie romantisch klingt da im Vergleich zur „Emotionalen Intelligenz“ Goethes Ausdruck „Herzensbildung“…

Dass EQ-Tests teilweise bei der Auswahl von Jobbewerbern angewendet werden, überzeugt mich auch nicht. Gerade die Idee der emotionalen Intelligenz widerspricht doch dem Gedanken, auf rationale Kriterien zu setzen. Müsste ein Personalchef nicht aufgrund seines EQ fähig sein, den Bewerber ohne vorherige Datenerhebung einzuschätzen? Gerade bei einem Test kann man leichter lügen, als von Angesicht zu Angesicht.

Um einem derartigen Einstellungstest zu entgehen, werde ich mich jedenfalls nicht auf obige Stelle bewerben! Auch wenn mir das eine kleine Träne entlockt…

So. Jetzt aber. Endlich sind wir nach einem beschwerlichen aber hoffentlich ein wenig bewusstseinserweiternden Weg am Ende der Reise durch die Begriffswelten von „erwachsen“, „Reife“ „Emotionaler Intelligenz“ angelangt…

Wer immer noch nicht genug hat und mehr über seinen EQ erfahren will, kann auf der Seite der Süddeutschen einen Online-Test machen.

http://spiele.sueddeutsche.de/eqtest/

(Leider versagte die Seite beim Ergebnis darüber, ob ich introvertiert oder extrovertiert bin. Schade, so wird das wohl für immer ein Geheimnis bleiben…)

Es ist also wahrscheinlich gar nicht so dumm, die emotionale Intelligenz etwas zu schulen. Studien zufolge leben emotional intelligente Menschen angeblich zufriedener und ausgeglichener, sie haben  meist ihr berufliches UND privates Glück gefunden.

Sie sind arbeitslos? Spam als Anstoß zum Hinterfragen (Teil 1)

Auch Spam kann das Bewusstsein erweitern! Spam kann witzig, absurd, bescheuert und verblüffend sein!
Heute kommt dazu der erste Teil. Er befasst sich nur mit dem Betreff einer wundervollen Mail, die ich gestern Abend bekommen habe!

Der Betreff lautet:
„Sie sind arbeitslos?“

Ein schöner Titel, der viel Interpretationsspielraum lässt:

Statt der Formulierung „Sind Sie arbeitslos?“ kommt diese in eine Frage umgewandelte Aussage „Sie sind arbeitslos?“ gleich ein wenig wie eine Unterstellung rüber.
Während „Sind Sie arbeitslos?“ eine sachliche Frage ist, fragt man sich bei „Sie sind arbeitslos?“ auch, was zwischen den Zeilen gemeint ist. Steckt ein Vorwurf dahinter? Ablehnung, Abwertung oder vielleicht nur Ungläubigkeit?

Sie sind arbeitslos? Na dann kriegen Sie doch endlich mal den Arsch hoch!
Sie sind arbeitslos? Betroffenes Schweigen. Ähm, ist ja nicht so schlimm… Themawechsel.
Sie sind arbeitslos? Aha. Können Sie das nachweisen? Sonst müssen sie voll bezahlen.
Sie sind arbeitslos? Was? Bei Ihren Qualifikationen?

Da arbeitslos zu sein in unserer Gesellschaft negativ besetzt ist, werden sich die meisten Betroffenen durch diese Art der Frage wahrscheinlich provoziert oder herabgesetzt fühlen, bzw. ein schlechtes Gewissen bekommen.
Ob Sie darum die Mail eher lesen, auch wenn sie ahnen, dass es sich nur um Spam handelt?
Ist die Wirkung der Frage dafür manipulativ genug?
Wer weiß?

Den psychologischen Effekt, den die Umformulierung einer Aussage in eine Frage produziert, finde ich jedenfalls interessant.

Was passiert, wenn man beide Möglichkeiten, Fragen zu formulieren, gegenüberstellt?

Sind Sie erfolgreich?              oder                    Sie sind erfolgreich?
Sind Sie schön?                                                   Sie sind schön?
Sind Sie impotent?                                             Sie sind impotent?
Kennen sie sich aus?                                          Sie kennen sich aus?
Sind Sie erwachsen?                                          Sie sind erwachsen?

Für mich beinhaltet die klassische Frage eine gewisse „Unschuld“, da sie wirklich auf das inhaltliche abzielt und tatsächlich nur eine sachliche, bejahende oder verneinende Antwort verlangt.

Bei der anderen Art der Formulierung fragt man sich stattdessen, worauf der Frager wirklich hinaus will, was er mit der Frage insgeheim bezweckt oder vermitteln will.
Will er uns mitteilen, was er über uns denkt, will er uns dazu bringen, etwas Bestimmtes zu tun oder zeigt er uns damit seine Ungläubigkeit/ Skepsis?
Der sachliche Inhalt tritt damit in den Hintergrund.

„Du machst die Soße mit Sahne?“
„Wenn’s dir nicht passt, koch doch selber!“

Womit wir beim klassischen Problem, Senden ≠ Empfangen gelandet wären…

Natürlich ist das letztendlich nichts Neues. Aber wer hätte gedacht, dass außgerechnet nutzloser Spam wichtige Fragen zur menschlichen Kommunikation ins Bewusstsein rufen kann?

Vielleicht mag der eine oder andere unter euch ja, angeregt von diesen Text, heute an sich selbst erforschen, wann oder wie häufig er eigene Botschaften, Bedürfnisse, Wünsche, Appelle, etc. nicht klar und deutlich als Sachaussage formuliert, sondern indirekt, z.B. zwischen den Zeilen. Um im Anschluss zu beobachten, wie viele von den indirekten Botschaften auch „richtig“ ankommen (was natürlich manchmal schwer zu überprüfen ist).

Na ja. Manchmal versteht man sich besser, wenn man sich missversteht…

Morgen geht es dann weiter mit dem interessanten Stellenangebot, das zu dem Betreff „Sie sind arbeitslos?“ gehört!

Platzgeiz

Vor ein paar Tagen war ich mit einer Freundin im Urlaub. Zu einem schönen Urlaub gehört, hin und wieder Essen zu gehen. So betraten wir ein Restaurant, schauten uns um und sichteten einen Platz, der uns gefiel.

Als wir uns gerade hingesetzt hatten, stellten wir fest, dass der Tisch reserviert war, und da kam auch schon der Kellner angelaufen. Er führte uns an einen anderen Platz und wies uns an, genau dort Platz zu nehmen.

Es war ein kleiner Tisch, an den wir gerade so hinpassten. Der Tisch stand in der Ecke von Raum teilenden, halbhohen Wänden, die das Restaurant in verschiedene Abschnitte unterteilte. Eine Holzsäule verband die halbhohen Wände mit der Decke.

Der Tisch war direkt an die Ecke geschoben, wir saßen dadurch beide mit dem Rücken zum Raum, vor uns die Säule und die halbhohen Wände, auf denen Blumentöpfe die Sicht versperrten.

Der Platz war erträglich, mehr aber auch nicht. Trotzdem haben wir uns, bereits gewöhnt an diese seltsame Art von Fremdbestimmung, einfach hingesetzt und keinen anderen Platz verlangt. Aber das Ganze verstimmte mich. Der Platz gefiel mir nicht, und ich fühlte mich ein wenig unhöflich behandelt, da ich wegen ausreichend leeren, größeren Tischen keinen Anlass für einen derartigen „Platzgeiz“ sah.

Generell mag ich es nicht, zu zweit an kleinen 2-Personen-Tischen zu sitzen, denn die 2-er Tische sind meistens so klein, dass wirklich nur 2 Teller drauf passen. Sie sind noch dazu in der Regel in die ungemütlichsten Ecken oder in Durchgänge gequetscht, manchmal auch in den Zugang zur Toilette, weil sie da gerade noch reinpassen. Nicht selten sitzt man mit dem Rücken zum Raum, zur Tür oder im Durchzug und hat so gut wie nie einen schönen Blick.

Es fördert mein Wohlbefinden, neben mir einen weiteren, leeren Stuhl stehen zu sehen, als Sinnbild für Leere, unbesetzten Raum und ein wenig Luft zum Atmen. Das Fehlen davon kann hingegen ein unbestimmtes Gefühl von Ungeschütztheit auslösen.

Das passiert allerdings nicht, wenn ich zu dritt oder zu viert an einem Tisch sitze. Da finde ich leere Stühle überflüssig. Aber das liegt vielleicht daran, dass es in den seltensten Fällen überhaupt 3-er Tische gibt, und 4-er Tische schon familientauglich sein müssen, weshalb sie großzügiger bemessen sind.

Nicht großzügig finde ich es jedenfalls, wenn mir in einem Restaurant ohne ersichtlichen Grund vorgeschrieben wird, wo ich zu sitzen habe. Gerade zum Essen möchte ich mich an einem Ort niederlassen, an dem ich mich wohl fühle und mich gehen lassen kann, z.B. an dem Tisch, für den ich mich instinktiv als erstes entscheide.

Natürlich ist es wichtig, dass auch die anderen Gäste genug Platz haben, auch jene, die erst noch kommen werden oder reserviert haben. Aber warum Platzanweisungen, wenn noch mehrere Tische frei sind und es unwahrscheinlich ist, dass plötzlich 20 Menschen das Lokal stürmen?

Gastfreundlichkeit zeigt sich für mich darum auch darin, dass man sich seinen Platz selbst aussuchen darf.  Zuviel Effektivitätsdenken (meist ohne Effekt, da sowieso nicht genug Gäste kommen) und Platzgeiz kann einem nämlich den Appetit verderben.

Fazit: Ich werde mich nicht noch mal von einem Kellner drängen lassen, an einem ungemütlichen Tisch Platz zu nehmen!