Weltenden

Hier und heute endet die Welt. Deine, meine, diese, die andere, die ganze, alle Welt.

Danach – Weltenschrott, Weltentrümmer, Zusammenbruchwelten, Weltverendungen – oder einfach nur Weltenden?

Individuelle Infernos platzen im Angesicht der ablaufenden Zeit in die Öffentlichkeit. Der Untergang wird zum Publikumsmagnet, hat Sogwirkung, treibt uns in berauschende Paranoia, erzeugt Gedankenstürze in die unerforschten Tiefen des Weltalls, schwarze Löcher stülpen sich nach außen und spucken düstere Verschrumpelungen unseres Unterbewusstseins in die Nacht. Kollektive Schreckensbilder, dämonische Phantasien, verbotene Gedanken, entfesselte Begierden, Albtraumvisionen, Angstobsessionen, einst von der Zivilisation gezähmt, eingedämmt durch Zeitmanagement und Fortschrittsarchitektur, stets unterdrückt und doch im Schatten lauernd.

Dieses verdrängte dunkelste Etwas kriecht nun wieder ans Tageslicht und zeigt sich ungebrochen in seiner Macht. Heute noch wird der Boden unter unseren Füßen wackeln. Und wir werden jedes individuelle Leiden, jedes persönliche Unglück, jede Ahnung und Erfahrung von Schmerz aufgeben für etwas Größeres, nämlich die EINE grenzenlose, mächtige Katastrophe, die in ihrer Absolution alle anderen überflüssig macht. Die auch unsere Errungenschaften, unsere Ambitionen oder unsere Grenzen überflüssig macht. Sie löst die letzten Barrikaden zwischen uns auf, so dass wir zu einer reinen Masse aus Kohlenstoffverbindungen verschmelzen und in kollektiver Todesangst vereinigt einen bisher nie erlebten Frieden finden – unendlich, meditativ, glückselig, befreit von Neid und jeder Art schäbiger Sehnsucht.

Wir wabern in einem fast körperlosen Zustand ineinander – bevor wir verbrennen oder erfrieren, ersticken, implodieren oder aber versprengt ins Weltall schlittern, aufeinander zu, ineinander hinein, bis sich aus den Versatzstücken unserer Überreste neue Körper bilden. Um dann als solche, monsterhaft verstümmelt, fünfäugig, sechsbeinig, lichtgeschwindig in fremde Galaxien einzudringen, als Satan oder Messias, oder einfach als Außerirdische, Fremdlinge, beäugt, begutachtet, gehasst, bewundert, verfolgt oder verehrt. Wodurch wir ungewollt und zwangsläufig wieder zu einem Teil von etwas werden, einer Welt, die immer weiter expandiert und zugleich ihrem Ende entgegen strebt.

Dieser Text entstand für eine Ausstellung zum Thema „Weltende“, das ja für den 21.12.2012 prognostiziert wurde.

Abgetaucht

Meine Augensterne sind abgetaucht.
Jede Gesinnung wird verschluckt.
Expansion der Nebelwand.

Verlangsamtes Verlaufen,
versammelte Verspätung.
Etwas entgleitet mir.
Der Virus lebt in meinem Kopf.

Unter den Körnern im Sand
Gedanken, die Straßen beleben.
Erdachte Materie
kaum verstrickt mit der Stadt.

Es ist gefährlich, ohne den Schutz der
Undurchschaubarkeit zu leben.

Doch solange ich hier bin,
bin ich frei.

Raubfisch

Spät in der Nacht kam sie nach Hause, betrunken und todmüde. Sie war zu abwesend und neben der Spur, um die Dinge um sich herum noch wirklich wahrzunehmen. Alles drehte sich, sie starrte auf Wände und in Ecken, um das Karussell im Inneren zu verlangsamen, versuchte, die Augen an Gegenständen im Raum festzukleben, glitt aber  immer wieder an ihnen ab. Gedanken strudelten unvollendet weiter.

Die Fische im Aquarium hatten sich längst verkrochen, bis auf einen, ein ziemlich dicker, der schwamm noch oben herum.
Doch auch ihm verlor sie aus dem Blick, gab es auf, die Augen offen zu halten und legte sich auf ihr Bett, so, wie sie war, putzte sich nicht die Zähne, schminkte sich nicht ab, zog sich nur mit den Füßen die Schuhe aus.

Die ersten Stunden schlief sie fest, doch dann begann dieser Traum. Immer wieder wurde sie von Pac Man verfolgt, und kurz bevor er sie schnappte, teilte sich ihr Körper in zwei Hälften und dabei verdoppelte sie sich. Der neu entstandene Zwilling wurde dann sofort von Pac Man gefressen. Sie war in Panik, versuchte, schneller zu werden, geriet außer Atmen, zappelte, ruderte, kam aber trotzdem kaum voran. Pac Man wurde vom Auffressen ihres Zwillings immer dicker und dicker, aber kein bisschen langsamer. Bis er auf einen Schlag auf den Rücken fiel und sich nicht mehr bewegte.

Sie wachte ruckartig auf, ihr Herz klopfte wie wild. Panisch lief sie zum Aquarium. Es waren keine Fische zu sehen, bis auf den einen, großen.
Er hatte alle anderen Fische aufgefressen und schwamm auf dem Rücken.

Beitrag für pareidolia

Metatext – Finde den Spalt, durch den dieser Text eine Revolution auslösen kann…

Heute habe ich mich entschieden, mich von meinem lange Jahre gepflegten clairewalka.de Metatext zu verabschieden.

Damit der Text aber sein Denkmal erhält, erscheint er hier in voller Länge.
Denn es waren ja sonst meistens sowieso nur die ersten Sätze zu sehen:

dies ist ein versteckter text der keinen sinn macht. also völliger unsinn in versteckten zwischenräumen, als wäre dies ein verbotenes, politisches manifest. finde es, finde den spalt, durch den dieser text eine revolution auslösen kann. und ich finde dich, damit wir gemeinsam den irrsinn zelebrieren – und die macht der sprache. hinter den türen, unter dem teppich – in welche abgründe stürzen wir uns auf der suche nach dem schlupfwinkel, beim ausbruch aus dem unsichtbaren, in welches diese ebene uns verwandelt hat? ausgelöscht, aus den augen der monitore und menschen, aus ihrem sinn- und unsinn? kann man dennoch erkannt werden? als bodenlos pure sinnlosigkeit, als reines, wahres vergnügen der nichtigkeit? als gemeines nichts das besticht durch seine penetrante abwesenheit? kann dieser versteckte metatext zur metaebene werden, ein hidden layer der uns belagert, um dennoch gesehen zu werden? bin ich eine metapher in buchstabenform, eine buchstabensuppe im einheitsbrei? wenn ich hier navigiere, ein universum exploriere auf meiner safari, einer suche nach poesie, der richtigen pose, oder besser noch, der richtigen pause. was sollen all diese worte und gedanken, die aus meinem kopf strömen, dinge, die keiner braucht? ich weiß nie, wohin das führt, ein redeschwall zwischen synapsen, durchtränkt von transmitter und manchmal vielleicht herbem bier. wann ist es soweit, wann kann ich aufhören, in den wind zu pusten, rauchzeichen im dampf des kraftwerks, ungesehen, ununterscheidbar, wie tränen im regen vielleicht, und darum quasi ungeschehen. kreuzungen, kreuzigungen, zungen, die böses reden oder einfach nur regnen, worte, noch schwarz und doch bald unsichtbar.
wie andere das wohl anstellen? wie andere diesen platz füllen, der eben nunmal gefüllt werden muss, oder sollte, auf diese weise oder auf unerdenkliche weise… muss man nicht irgendwo eine spur hinterlassen, auch wenn sie unsichtbar ist? wie sie sich nun in spalten verliert, versteckt wird, auf einer unsichtbaren ebene, die nur ein verweis ist auf das nächste bild, den nächsten frame… ist das nicht der eigentliche weg? ein verweis zu sein auf das nächste… also notwendig zu sein für das erreichen des nächsten und dabei dennoch unsichtbar? fast wie ein katalysator, der dinge verändert während er selbst unverändert bleibt…
wie wäre es, dinge zu verändern und dabei unerkannt zu bleiben?

Über die Möglichkeit eines emanzipatorischen Befreiungsaktes der Männlichkeit durch das Pinnen von Rebert-Buttons auf den Hosenschlitz

The Show must go on… Darum mal wieder Recycling: Mein alter Ego „Pierre D. Lune“ ließ sich für die Pareidolia 6 zum Thema Liebe von einer Alltagssituation, und zwar einem Rebert-Konzert (Nordic Italowestern Freesurfpunkrockenroll) im Komet inspirieren:

Über die Möglichkeit eines emanzipatorischen Befreiungsaktes der Männlichkeit durch das Pinnen von Rebert-Buttons auf den Hosenschlitz

Der erste Gedanke eines vorübergehenden Mathematikstudenten war, dass es infantil ist, als Mann seine Geschlechtsmerkmale so zu betonen. Denn das ist wohl kaum vergleichbar mit dem betörenden Reiz eines tiefen Decolltees bei Frauen, obwohl  es sich dabei auch nur Geschlechtsmerkmale handelt.

„Der männliche Körper besitzt nicht die Schönheit des weiblichen Körpers“, so der Student. Verzierungen und Akzentsetzungen sind deshalb lächerlich oder gar peinlich.

Sehr oft sind es die Männer selbst, die ihren Körper im Vergleich mit dem weiblichen abwerten. Doch woher soll Selbstbewusstsein kommen, wenn man sein eigenes Geschlecht nicht als schön empfindet?

Der emanzipierte Mann räumt auf mit diesem Klischee: Er erfindet die Schönheit neu. Er nimmt sich alle Freiheiten. Er nimmt sich zum Beispiel Rebert-Buttons und pinnt sie sich vor den Schwanz.

Ein spontaner Akt. Erstmal ist es nur ein Scherz. Aber konsequent fortgeführt steht mehr dahinter: Mut und Selbstbewusstsein. Der Mut, das zu tun, wonach einem der Sinn steht, auch wenn es befremdet. Und das Selbstbewusstsein, dass man die Befremdung ertragen kann.
Denn Rebert-Buttons auf dem Hosenschlitz zu tragen ist trotz aller Lächerlichkeit tabu.
Darum ist es nicht einfach eine Mode. Es ist ein Statement!

Vielleicht dieses: „Ja, ich stehe dazu, dass ich einen Schwanz habe!“
Oder aber: „Ja, du darfst hinschauen!“

Natürlich wäre es wichtig, einen Schritt weiter zu gehen.
So weit, die Individualität der eigenen Bedürfnisse auszuleben und dabei einer neuen Männlichkeit auf die Spur zu kommen. Das muss jeder auf seine Art tun.

Irritieren statt imitieren!

Denn wenn Rebert-Buttons als Schwanz-Schmuck oder Schutzwall nur noch eine Mode sind, verlieren sie ihre Kraft. Emanzipation verliert immer ihre Kraft, sobald sie eine Mode wird. Jede Massenbewegung steht dann der Befreiung des Individuums entgegen.

Darum, auf zu neuen Ufern! Warum Emanzipation und Genderstudies allein den Frauen überlassen?

Auch Selbstreflexion kann eine Form inniger Liebe sein.

Pierre D. Lune
– Existenzforscher –

PS: Mir wurde gesagt, mein Text solle pornografisch sein, aber dafür genüge es, hin und wieder das Wort „Schwanz“ zu benutzen. Daher freue ich mich, dieses brisante Thema durch das Benutzen eines einzigen Wortes auch Freunden der Pornografie zugänglich gemacht zu haben!

Existenzminimum

„Wer kriegt die Krise?“ war die allerletzte Preisfrage der Jungen Akademie,  zu der man Beiträge  aus Wissenschaft, Literatur und Kunst einschicken konnte. (Die Anthologie dazu gibts momentan auch noch auf www.amazon.de)

Da jetzt das Wort „Krise“ wieder in aller Munde ist,  stelle ich meinen Beitrag „Existenzminimum“ jetzt auch mal hier online. Es handelt sich dabei um eine Art fiktives Essay – sprich – ich bin nicht wirklich ich, und es gibt diese Personen nicht  genau so, aber so ähnlich 😉

Existenzminimum

Ich bin 35 Jahre alt. Laut den Berechnungen von Statistikern bin ich arm. Es fällt mir nicht sonderlich auf, da ich es nicht so empfinde oder auch nichts Anderes kenne. Es besser, sich nicht zu erlauben, etwas anderes zu wollen. Und vernünftiger. Nicht jeder ist bereit, so ein Leben zu teilen. Und Kindern, die keine Wahl haben, sollte man das ersparen.

Ich wohne noch immer in der 1-Zimmer-Wohnung mit 25 qm Größe, in der ich schon als Student gewohnt habe. Die Einbauküche ist von 1980, den Schränken fehlen teilweise die Türen, aber das stört mich nicht. Ein Auto besitze ich nicht. Hin und wieder fahre ich dennoch in Urlaub. Ich schließe mich Fahrgemeinschaften an und übernachte in Wohnungen von Menschen, die ich aus dem Internet kenne. Ich feiere auch Partys. Meinen Gästen reicht das billige Bier, das es gibt. Sie bringen ebenso billigen Wein von der Tankstelle mit, oder No-Name-Martini.

Ich bin nicht unzufrieden mit meinem Leben. Aber es ist ein Leben auf der Schwelle. Der Abgrund ist sichtbar und der Schritt dorthin nicht weit. Die Zukunft ist ein zweischneidiges Schwert. Manchmal löst sie sich geradezu auf.

Meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit einer Arbeit, bei der ich meine Fähigkeiten nicht wirklich nutzen kann. Selbstverwirklichung ist es nicht. Ich habe versucht, etwas Passenderes zu finden, doch in der Branche gibt es feste Strukturen, wenig Offenheit, nicht viele mutige Entscheidungen und viel Vitamin B.

Man muss sich erst beweisen, aber auch das genügt nicht. Es kommt auch darauf an, dass die Richtigen, die Wichtigen, dabei zusehen. Und ich weiß nicht, wie man das anstellt.
So ist  mein momentaner Job lediglich eine Annäherung ans Überleben. Er schafft kaum finanzielle Sicherheiten und noch weniger andere.
In letzter Zeit habe ich ein schlechtes Gefühl. Es sagt mir, dass ich bald ersetzt werde. Ich wäre nicht der Erste. Auch meine Vorgänger wurden ausgetauscht, nicht selten von heute auf morgen. Meine Auftraggeber und Kollegen sind nett und sympathisch. Aber ich weiß, dass mein Überleben nicht in ihrer Agenda steht. Sie bangen zu sehr um ihr eigenes. Das weckt manchmal auch einen besonderen Ehrgeiz. Vielleicht halten sie deshalb heimlich nach einer Optimierung Ausschau. Nach einer Optimierung, die nicht auf hochwertigere Resultate zielt, sondern auf eine Optimierung ideeller Natur.

Mich befremdet der Ansturm auf einen Job, in dem auch die Konkurrenz ihre Fähigkeiten nicht entfalten kann. Aber das sind wohl die Zeichen der Zeit. Ich weiß nicht, ob mein Nachfolger höher qualifiziert sein wird als ich, aber vermutlich nicht. Und selbst wenn, würde das keine besseren Resultate bringen, denn ich bin ja bereits überqualifiziert…
Was einen Nachfolger dennoch rechtfertigt, ist die vorübergehende Beruhigung, die Neuerungen schaffen. Es genügt, wenn mein Konkurrent den Eindruck vermittelt, mehr zu sein als ich. Menschen, die glaubhaft vermitteln, etwas Besseres oder etwas Besonderes zu sein, ohne dabei herablassend zu wirken, sind wohltuend. Denn sie signalisieren ihrer Umgebung, ebenfalls besser und besonders zu sein. Die bloße Existenz einer solchen Person erzeugt den Eindruck einer Aufwertung. Man hat endlich einen großen Fang gemacht! Ja. Heutzutage kann man sich tatsächlich größere Fische leisten. Auch sie müssen in kleine Aquarien ausweichen, seitdem die großen leer laufen.

Selbstvermarktung ist eine Kunst, die ich leider nicht beherrsche. Meine Kunst ist die Bescheidenheit. Manchmal gefällt es mir sogar, unterschätzt zu werden, da die Überraschung groß ist, wenn man das Gegenteil beweißt. Aber dazu braucht es eine Gelegenheit. Mir gefällt es auch, wenn das Leben hinter der Fassade bunter ist, als die Fassade selbst. „Mehr Sein als Schein“. Aber es ist nicht praktisch. Und ich erliege Irrtümern. Zum Beispiel dem Glauben, dass alles was nicht glänzt, Gold sein könnte.

Um meinen Alltagssorgen zu entkommen, lade ich gern spontan Leute in meine Küche ein. Ein Bier und gute Musik entspannen uns dann. Auch heute. Die üblichen Verdächtigen. Sie sind alle gekommen. Und ich seh’ sie mir an. Wir alle haben oder hatten höherer Ziele. Aber jetzt, in diesem Moment, denke ich, dass das Scheitern auch ein Statement ist. Eine Haltung. Eine Überzeugung. Und ich bin stolz auf uns. Proste allen zu.
Die Stunden fliegen und schließlich kommt die Stunde, in der nur der harte Kern übrig ist. Und man doch wieder redet. Hans hat Angst, erneut in Hartz IV „abzurutschen“. Er ist 53 Jahre alt und ihm wurde bei seiner letzten Bewerbung ein Praktikum angeboten. Seit über 25 Jahren arbeitet er in seinem Job, aber praktische Erfahrung kann man wohl nie genug sammeln. Sven, 30, der kürzlich sein Studium beendet hat, macht gerade solch ein Praktikum. Die Frau von der Personalabteilung schaut ihn schief an, seitdem sie weiß, dass er aufstockend Hartz IV bekommt. Hartzer sind ihr nicht ganz geheuer. Es sind ja nun mal schon Schmarotzer. Der Gedanke, dass die Firma ihm stattdessen ein Gehalt zahlen könnte, von dem er leben kann, findet einfach nicht in ihr Gehirn.

Katja, gerade 29 geworden, erzählt, dass sie auf dem Arbeitsamt immer wieder zu hören bekommt, dass sie bald auch als Raumpflegerin vermittelt werden kann. Sie ist dabei, sich selbstständig machen, doch ihre Jobberaterin geht davon aus, dass ihr trotz Businessplan sowieso kein Zuschuss bewilligt wird. Vor Katja musste sie auch noch niemanden betreuen, der sich selbstständig machen wollte, und so wünscht sie sich wahrscheinlich, dass weiterhin nichts ihren gewohnten Arbeitsablauf durchkreuzt. Katja hört bei allen Entmutigungen allerdings hartnäckig weg, denn sie besitzt die beneidenswerte Fähigkeit, Widerstand in Energie zu verwandeln.

Anne, 41, findet, dass Katja sich zu abfällig über den Job einer Raumpflegerin äußert. Sie arbeitet seit 8 Jahren abends als Putzfrau, um sich zu finanzieren. Das findet sie in Ordnung, weil ihr so Zeit bleibt, sich noch mit anderen, den „eigentlichen Dingen“ zu beschäftigen. Das haben wir alle gemeinsam. Wir versuchen nebenher, unser eigenes Ding zu machen. Das, wozu wir uns „berufen“ fühlen. Musik. Kritzeleien. Oder Texte. Manchmal nennen wir uns „Teilzeitkünstler“, um es mit Humor zu nehmen. Den brauchen wir auch, denn wir sind erfolglos. Zumindest, wenn man Erfolg daran misst, ob unsere „Werke“ unser Überleben sichern. Das Gegenteil ist der Fall. Meistens müssen wir für Präsentationen Geld investieren, das wir nicht haben.

Anne verkündet, dass die Akzeptanz von Bräunungscreme in der Welt weit höher ist als die von Kunst. Hans stimmt ihr zu und sagt, dass alles, was Geld einbringt, nicht in Frage gestellt wird. Darum stünde wiederum alles, was kein, oder auch nur nicht sofort Geld bringt, unter Rechtfertigungszwang. Katja nickt und denkt sofort an ihre Arbeitsvermittlerin.
„Jeder der arbeitet, unterstützt den Kapitalismus. Auch wenn man es eigentlich gar nicht will – man kann doch nur mit Arbeit Geld verdienen, die dem Prinzip des Kapitalismus folgt, und das stärkt ihn und macht ihn sogar unanfechtbar. Denn Arbeit, die nicht zur Vermehrung von Geld führt, wird nicht bezahlt!“
„Doch, im sozialen Bereich!“, provoziert Sven. Und Katja ereifert sich erst recht.
„Arbeiten wir im weitesten Sinne nicht auch im sozialen Bereich? Wir können ja nicht alle Altenpfleger, Streetworker oder Sanitäter werden! Ich wäre darin jedenfalls schlecht! Man muss doch das Recht haben, das zu tun, was man wirklich will. Und was man auch am Besten kann!“ Katja schaut Sven herausfordernd an. Doch der zuckt nur noch mit den Schultern. Die gesagten Worte verschwimmen im Raum und lösen sich langsam auf.

Oft stranden unsere Gespräche in Kapitalismuskritik. Dann lassen wir es lieber bleiben und schweigen. Wir wollen uns nicht wiederholen. Wir wollen nicht zu denen gehören, die nur reden, sich nur beklagen. Die immer wieder mit denselben Parolen kommen. Parolen, die Wahrheiten enthalten. Aber die zu oft gesagt wurden und  zuwenig verändern konnten. Sie sind der Inbegriff einer Lähmung geworden.

Schon in der Jugend wurde uns Politikverdrossenheit vorgeworfen. Aber was sollen wir hinzufügen, zu dem, was unsere Eltern einmal gesagt haben, bevor sie uns bekamen und in ein Reihenhaus zogen?
Jahrelang wurden wir darauf getrimmt, in die Zukunft gerichtet zu leben. Ein Etappenziel jagte das nächste: Abitur, Zwischenprüfung, Diplom, Master. Es war ein Leben in Raten, bei dem man auf Oasen hinarbeitet: Freizeit, Vergnügen, Urlaub.
Nun irritiert uns die Zukunftslosigkeit. Sicherheit wird ein abstrakter Bergriff. Auch dem Festangestellten bleibt nur Sicherheit in der Länge, wie seine Kündigungsfrist andauert.Die Vorstellung eines lebenslangen, permanenten Aufstiegs existiert nur noch in Computerspielen. Nähern wir uns vielleicht wieder dem tagtäglicher Kampf um ein Stück Büffelfleisch?
Die eine Wahrheit gibt es jedenfalls nicht mehr. Genauso wenig wie die eine Zukunft. Wir sind Individualisten. Und wissen es trotzdem nicht besser. Wir wissen nur, dass wir nicht weiter wissen. Und darum schweigen wir. Jeder für sich.

Vielleicht sind wir auch selbst unsere erbittertsten Feinde. Wir haben das Prinzip des Kapitalismus absolut verinnerlicht. Wir erlegen uns den Rechtfertigungszwang selbst auf. Es fällt uns schwer, unser Tun anzuerkennen, weil es nichts einbringt. Die Existenz eines Publikums ist ein Trost, aber er ist zu schwach, um die Zweifel zu zerstreuen. Und zugleich nährt auch die Unsicherheit des täglichen Überlebens unsere Zweifel.

Anne bricht schließlich das Schweigen. Sie hebt ihr Glas und prostet uns zu. „Auf die Zukunft!“ Wir stoßen miteinander an und drehen die Musik lauter.

Dass wir weitermachen, reicht als Beweis. Und dass uns der Mangel manchmal auch wie einer Art Freiheit vorkommt, heißt wohl, dass wir größere Optimisten sind, als wir uns eingestehen.

Freiheit 1992

„Freiheit“, das war das erste Gedicht, das ich als Jugendliche geschrieben habe, und zwar in ein schönes französisches Schulheft, so ähnlich wie jenes, das meine Schwester mit ihren Freunden benutzt hatte (–> Disco und Gedichte). Nur waren auf meinem Einband Delphine und ein Taucher zu sehen…

Das „Dichten“ habe also ich mit „Freiheit“ begonnen und das Blogschreiben „Verdammt frei“. Offensichtlich lassen einen manche Themen nie ganz los…
Oder liegt es daran, dass man an Freiheit immer zuviel oder zuwenig hat?

So, jetzt aber:

Freiheit '92 - Erstes Jugendgedicht

Tja, mit 14 hat man eben noch Träume!
(Oder muss sich in diese flüchten…)

***

Disco und Gedichte

Als ich ungefähr 13 war, holte meine große Schwester einmal ein Heft hervor, in denen Gedichte standen, die sie und Freunde von ihr verfasst hatten. Diese Gedichte waren ganz anders als die aus den Schulbüchern, sie reimten sich nicht und waren eher aus dem Leben gegriffen, da z.B. manchmal spät nachts auf einer Party entstanden. Auch kleine Gemeinheiten waren dabei, die Leuten gewidmet waren, die die Verfasser nervten.

Ich fand das toll und besorgte mir auch so ein Heft, um meine Gedanken endlich in eine ausdrucksvollere Form zu bringen.
Das brachte mich auch eines Tages nach Ravensburg zum Literaturmeeting, ich glaube ich war 18. Es waren andere nette Leute da, wir übernachteten in einer Jugendherberge und hatten unseren Spaß. Ich erinnere mich auch noch sehr deutlich an den Kommentar eines Radiomoderators: „Andere Leute gehen in die Disco, ihr schreibt Gedichte…“, setzte er an, wurde aber sofort unterbrochen und über die Absurdität seinerAnnahme, dass sich das ausschließt, aufgeklärt.  Am Abend legten wir dann einen ziemlich langen Fußweg zurück, um die Disco zu erreichen.

Mit dem Älterwerden entwickelte ich dann aber langsam eine gewisse Distanz zum „Dichten“. Es gilt ja schon irgendwie als etwas unzeitgemäß, lebensfern oder als extreme Nischenkultur.
Aber manche meiner Texte, die für mich  eher erzählerisch (und Fließtext!) sind, werden von anderen sowieso als Lyrik bezeichne werden, weil der Inhalt nicht linear oder ein wenig abstrakt ist… Sowieso egal. Alles ist erlaubt.

Hier also ein Text, der einerseits als Gedicht bezeichnet wurde, andererseits aber angeblich „prosaisch“ daher kommt:

Insel

Die Scherben sind vom Wasser stumpf geworden.
Sonst hat sich kaum etwas verändert.
Wenn man nicht zurück schaut. Und nicht nach vorn.

Im Wind weht ein Band in der Luft herum.
Ein Tanz, der mit der Heftigkeit der Wellen willenlos wird.
Der Rhythmus bleibt zurück als Zittern, der Sand als Nebel, die Sicht zerstäubt.
Linien unter den Füßen. Punkte, die sich treffen.
Unsichtbar gegangene Wege, verwischte Spuren.

„Damals waren wir frei wie der Wind“.
Sagt sie und schaut in ein Jahrhundert, das kaum noch greifbar ist.
Tag für Tag, die Füße im Wasser, Namen in den Sand geschrieben.
Die Gräser, das Rauschen, sonst nichts. Nicht weniger.

Erst später holte das Leben die Unbeschwertheit ein. Ein dumpfes Grollen aus der Ferne. Glückliche Tage, die im Sand verrieselten. Schreie, wenn die Welle sich überschlug.

Der Schaum, der Horizont. Nichts anderes bleibt.

Und nichts anderes will sie mehr sehen.
Nichts als den blauen Streifen, der Wasser und Himmel trennt.
Nichts mehr, nur das. Die Zeit anhalten.
Erinnerungen aus Schwarzweiß-Fotos in Farbe tauchen.
Verschwundene Fußspuren, verhallte Worte.

Doch die Insel ist noch immer nicht weit. Als könnte man schwimmen.
Ein anderer sein. Die Zeit hat keine Richtung.

Endloses Auf und Ab. Ein Kommen und Gehen, ewige Wiederholung.
Mit der Luft die man schmecken kann. Der versteckten Stille.
Und einer Ehrlichkeit, die weh tut.