Hochsicherheitstrakt oder S39

Vor ein paar Tagen war ich mal wieder zu Besuch bei meinen Eltern und habe in meinem „Jugendzimmer“ übernachtet. Im Herbst, wenn die Bäume vor dem Fenster ihre Blätter verlieren, entsteht freie Sicht auf das Gefängnis.

Gefängnis im Winter

Vor ein paar Tagen war ich abends dort mit einer Freundin spazieren und sie hat ein paar Fotos gemacht. Viele Lichter in der Nacht, daneben Stacheldraht und dicke Mauern, rundherum sind Äcker.
Diesmal haben sich die Gefangen nichts zugebrüllt. Es hat uns nur jemand hinterher gepfiffen.

Eigentlich, wenn man wirklich darüber nachdenkt, ist es ja schon komisch, in der Nähe von einem Gefängnis aufzuwachsen. Aber das war immer ganz normal, es war eben da.
Man hat sich eigentlich nicht wirklich damit befasst, was direkt vor den Augen darin geschah, dabei spiegeln die Prozesse, die dort geführt werden, ja auch irgendwie die Problematik unserer Zeit wieder.
Aber es passiert natürlich auch nicht jeden Tag etwas, was in die Geschichte eingeht, wie die „Todesnacht von Stammheim“.
Es gab aber auch später noch Selbstmorde mit politischem Hintergrund, und heute sitzen dort z.B. Al-Kaida-Anhänger

In der Grundschule haben wir einmal eine Luftaufnahme von Stammheim angesehen, da war das Gefängnis mit einem Klebestreifen verdeckt. Zensiert. Warum, wusste auch die Lehrerin nicht so recht. Vielleicht, damit man nicht in den Innenhof schauen kann, meinte sie. Damit man die Häftlinge nicht sieht, die dort ihre Runden drehen? (Drehen Häftlinge denn überhaupt noch Runden im Innenhof? Müssen die heutzutage nicht arbeiten?)
Oder gab es andere Gründe? Hatten die Lehrer Angst, dass wir Grundschüler anhand des Luftbildes geheime Informationen sammeln könnten und dann Ausbrüche mitorganisieren würden? Oder sollte mit dem Aufkleber die Existenz des Gefängnisses vertuscht werden, damit wir armen, kleinen Kinder, irgendwie damit nicht konfrontiert werden müssen?

Wie es ist, neben einem Gefängnis zu wohnen, oder warum man Gefängnisse braucht, oder was darin eigentlich passiert, darüber haben wir in der Grundschule nie geredet. Wir haben es auch nie bewusst von außen besichtigt. Man kam eher zufällig vorbei, z.B. einmal, als wir uns die Felder drumherum ansahen, und uns der Unterschied zwischen Weizen und Gerste erklärt wurde.

Heute ist das Geheimnis über die dunkle Stelle in der Karte gelüftet, dank google-Maps:

http://maps.google.de/maps?oe=utf-8&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a&um=1&ie=UTF-8&q=stuttgart+stammheim+asperger+stra%C3%9Fe+60&fb=1&gl=de&hnear=Stuttgart&cid=0,0,11563969595520656325&ei=ZJriTM7PJcyRswbsq5mADA&sa=X&oi=local_result&ct=image&resnum=1&ved=0CBgQnwIwAA

Wenn Geschichte so direkt vor der Tür stattfindet, denkt man vielleicht, dass die Ansässigen neugierig sind und darum zum Beispiel mal zu einer Verhandlung gehen. Ich kenne aber keinen Stammheimer, der jemals da war.

Zur Zeit findet dort nach vielen Jahren wieder ein RAF-Prozess statt, wahrscheinlich der Letzte. Als ich noch zur Schule ging, wurden aber noch häufiger RAF-Prozesse dort geführt. Die konnte man auch besuchen, wenn man wollte, man musste dafür aber die Schule schwänzen. Es hieß, dass die bei den Sicherheitskontrollen aufgenommenen Daten gespeichert werden und man dann als latent verdächtig gilt, möglicherweise als RAF-Sympathisant.
Tatsächlich gab es damals ein paar Leute (alles keine Stammheimer), die einen RAF-Ausweis besaßen. Dieser sah ziemlich handgemacht aus, ein zusammengefaltetes weißes Kärtchen, so ähnlich wie Terminkärtchen vom Arzt, nur mit dem RAF-Zeichen vorne drauf. Die Besitzer wollten damit vielleicht zum Ausdruck bringen, dass sie ganz besonders entschlossen, rebellisch oder verwegen waren, Staatsfeinde erster Klasse sozusagen. Ich glaube aber nicht, dass einer von ihnen dann tatsächlich in den Untergrund gegangen ist… Die meisten werden den Besitz des Ausweis heute wohl als Jugendsünde abtun…

Als ich dann in Feuerbach ins Gymnasium ging, hörte ich oft den Spruch: „Ach, du kommst aus Stammheim, also aus dem Knast!“
Ich habe dann auch oft zum Witz gesagt: „Mein Vater war schon im Gefängnis!“ „Echt?“ „Ja, aber nur eine Stunde“. Er hatte das Gefängnis einmal mit dem Bezirksbeirat besichtigt. Das dachte ich jedenfalls damals, ich weiß  aber gar nicht, ob das wirklich stimmt.

Die Dorf-Kneipe nicht weit vom Knast hieß früher „Stammheimer Freiheit“.
Sie war trotzdem nicht besonders einladend.
Inzwischen heißt sie „Dialog“. Auch nicht schlecht…

Direkt neben das Gefängnis wurde irgendwann auch das Asylbewerberheim gebaut. Und ich glaube auch die Sozialsiedlung… Heute gibt es das Asylbewerberheim schon nicht mehr.

Zuletzt noch ein bisschen Musik von der Straße: Ein paar dort lebende jugendliche Hüfthüpfer singen über ihr „Stammheim 39“:
(Stammheim hat die Postleitzahl 70439…)

Das Video ist inzwischen leider nicht mehr online… Aber hier noch ein paar Textzeilen daraus.

„Wir sind jetzt dran
wir zeigen euch jetzt wo es langgeht
Das ist unsere Welt
die nächste Action tut anstehn
Fighten ist angesagt
18 Uhr Endhalte
Komm mit deinen Jungs
und bring deine Waffe
Es geht zur Sache Mann
50 Leute Popgun“

Leben ohne Garantien

Etwas scheine ich so langsam zu verstehen. Und zwar, dass ich mich damit abfinden muss, kein „normales“ Leben zu führen. Und zwar nicht nur jetzt sondern möglicherweise nie.

Wenn ich mich weiterhin dazu entschließen sollte, eigene Projekte machen zu wollen, werde ich nie dauerhaften Sicherheiten haben oder in festen Strukturen leben. Es wird nie „besser“ werden. Die Sorgen und die Ungewissheit werden bleiben. Ich werde nie fünf Tage in der Woche „beschäftigt“ sein und dabei ein von anderen bestimmtes Soll erfüllen. Ich werde weiterhin keine klaren, regelmäßigen Ergebnisse vorweisen können, die beweisen, dass ich etwas Sinnvolles oder zumindest Notwendiges getan habe. Auch auf ein regelmäßiges Gehalt, das existenzielle Sicherheit bringt, muss ich verzichten.

Was ich mache, ist selbst für mich schwer fassbar. Ein endloser Raum für Zweifel. Es gibt weder für die Quantität noch die Qualität meiner „Produkte“ Maßstäbe, die ich zu Rate ziehen kann. Dann ist ein Ergebnis kaum erkennbar und ich habe das Gefühl, ich tue zu wenig, oder ich frage mich, was ich nur die ganze Zeit gemacht habe.

Ich frage mich zum Beispiel, was ich das letzte halbe Jahr in Lauenburg gemacht habe, als ich Zeit hatte, mich mal nur meinen Projekten zu widmen. Was ist faktisch, „unter’m Strich“, dabei heraus gekommen? Solche Bewertungsmaßstäbe versagen, was ich getan habe, lässt sich kaum greifen, vor allem, weil meine Arbeit unmittelbar nichts an meinem Leben geändert hat. Ein Ordner voll Papier ist faktisch einfach nur ein Ordner voll Papier, mehr nicht. Vielleicht ist er auch etwas anderes, kann etwas anderes werden. Aber ob, wie oder wann? Nichts davon steht fest.

Erst jetzt, wo ich langsam begreife, dass ich auf unbestimmte Zeit oder sogar für immer in einer unklaren Situation verharren muss, merke ich, wie sehr mir das eigentlich widerstrebt und dass ich diese Art von Existenz eigentlich gern eines Tages überwinden würde und sie mir bisher auch immer nur als Übergangslösung vorgestellt habe. Als Phase, bis man irgendwie „Fuß gefasst“ hat. Aber was bedeutet Fuß fassen im klassischen Sinne, wenn man im kreativen Bereich an eigenen Projekten arbeitet? Dass man sich damit finanzieren kann? Oder dass man Anerkennung findet? Anerkennung von wem?

Wir Leben in einer Welt, in der man leicht den Eindruck vermittelt bekommt, dass man ohne Leistungsbereitschaft und ohne Erfolg untergeht.
Das habe auch ich verinnerlicht.
Aber diese Begriffe sind diffus. Leistung lässt sich bei Menschen nicht in Mhz oder RAM messen, man kann sich nicht „tunen“ lassen.
Das Ziel, auf das man hinarbeiten soll, hat keine klare Form. Man kann darum auf dem Weg zum Ziel eigentlich keine Sicherheit finden und das erzeugt Angst. Angst schafft Anpassungsbereitschaft. Und diese widerrum weniger Freiheit.

Die Freiheit wollte ich mir bewahren und habe mich aus Überzeugung für meine eigenen Projekte und gegen die Sicherheit, z.b. in Form einer Festanstellung entschieden. Ich dachte auch, ich wäre relativ immun gegen die „Angstmaschine“. Darum hat es mich überrascht, zu erkennen, dass ich doch mehr unter der Unsicherheit in meinem Alltag leide, als ich dachte, und dass ich meine Existenzängste indirekt ausagiere, indem ich mich unter Druck setze oder von einem seltsamen Ehrgeiz getrieben bin, der oft mehr blockiert als vorantreibt.

Wenn ich also denke, dass ich nicht genug tue und als Folge der Unzufriedenheit z.B. unkreativ werde oder in Alibiaktivitäten verfalle, liegt es wohl daran, dass ich dem Leistungsdenken nicht entkomme und mir unbewusst von Erfolg auch mehr Sicherheit und mehr Struktur erhoffe. Erfolg schafft aber nicht unbedingt Sicherheit, am ehesten vielleicht finanziell. Aber auch das nur als Etappe, ohne Garantien für die Zukunft…

Meine schlimmste Befürchtung ist also bereits eingetroffen.
Nichts wird sich ändern. Alles bleibt, wie es ist…

Aber gerade weil ich mich jetzt mit dieser Tatsache abfinden muss, kann ich seltsamerweise dem ewig unklaren Leben auf der Schwelle recht gelassen entgegen sehen. Ich muss nicht mehr permanent darauf hinarbeiten, dass etwas „besser“ wird. Ich liefere mich nicht mehr dem Stress aus, unbedingt vorankommen zu müssen, Ergebnisse zu produzieren oder „messbaren“ Erfolg zu haben. Persönlicher Erfolg ist wichtiger.

Passend dazu habe ich auch am Tag meines Rück-Umzugs nach Hamburg von einem Kluge-Sprüche-Verkäufer dieses Zitat gezogen:

„Wer ungetrübt und heiter sein will, der muss eines besitzen: die innere Freiheit“
(Meister Eckhart)

Dazwischen

Wenn man an einem Ort nicht mehr lange ist, ist das ein seltsamer Zustand.
Man ist zwar noch da, aber nicht mehr so richtig, man betrachtet alles ein wenig aus der Perspektive von jemandem, der bereits gegangen ist. Es ist, als würde man zurückschauen, dabei ist das alles noch Gegenwart.
Das ist ein komischer Schwebezustand, während dem man nirgends richtig ist. Was man vermissen wird, vermisst man eigentlich in dem Moment, wo es noch da ist, wo man es bewusst betrachten und wahrnehmen kann. Denn sobald man weg ist, stürmt die neue Umgebung auf einen ein, lenkt ab, schafft neue Bilder und neue (oder bei einer Rückkehr auch alte) Gewohnheit.
Wenn man weggeht, merkt man plötzlich, wie selbtverständlich manches geworden ist, die tägliche Umgebung, die Geräusche oder die Stille, und natürlich die Menschen, mit denen man zu tun hatte. Menschen, die man immer besser kennen gelernt hat, aber auch Menschen, die einfach nur da waren.

Ich finde es schwer, mich in diesem Zustand des „Dazwischen“ auf etwas zu konzentrieren bzw. etwas anzufangen, was ich hier nicht auch zu Ende bringen kann. Dabei besteht keine Notwenigkeit, alles, was ich hier anfange auch hier zu Ende zu bringen.
Dahinter steckt aber wahrscheinlich auch mein sinnloser Wunsch, immer jede freie Minute effektiv zu nutzen, auch die Minuten zwischen Kistenpacken und Erledigungen.

Weil daraus nichts wird, schau ich lieber aus dem Fenster, wo heute nochmal die Sonne auf dem Wasser glitzert.

Wasserglitzern

Blick aus dem Fenster

Die Zeit übersehen

Es ist so leise, dass man sich kaum traut, ein Geräusch zu machen.
Eine Uhr tickt deutlich.
Die Landschaft ist leicht vernebelt. Zeitlos. Entrückt.
Man hört die Schiffe nicht, die vorbei gleiten.
Man blickt nur von weit oben auf sie hinab.

Draußen winzige Fliegen vor der Scheibe, schwebend.
Die Gardinen, die Tapete. Konserviert.

Keine Musik. Nur ganz entfernt Stimmen. Ein Fernseher oder ein Radio.
Als würde man sich selbst beobachten. Zurückgelassen. Vergessen.
Der letzte Mensch.

Die Blumen träumen von etwas, was sie verpasst haben.
Farbenfroh vertrocknen sie stillschweigend.

Statt zu sprechen wird geflüstert.
Automatisch hält man die Luft an.

Der Raum ist Verschwinden und Vergänglichkeit.
Erinnerungen schaukeln auf den Lampen.
Gedanken aus der Zeit, als alles noch neu war.
Als das Leben zu Gast war, Tag und Nacht.

Alles altert.
Nur nicht dieser Raum, den die Zeit übersehen hat.
Er ist so jung wie damals, doch seine Jugend unerreichbar fern.

Wie eine Blase, die jederzeit platzt.

Bellevue

Bellevue

Festival

Um das Wesen von wahren Geschichten oder dem alltäglichen Leben besser fassen zu können, habe ich mir von einer Weile vorgenommen, ein paar Erlebnisse aus meinen Leben aufzuschreiben und sie natürlich ein wenig zu verändern wie auch zu versuchen, sie mit literarischen Mitteln zu „erhöhen“ oder so…

Was ich davon halte, weiß ich noch nicht genau, und auch nicht, ob ich mit dieser Methode wirklich etwas finde, was es mir erleichtert, alltägliche (und trotzdem nicht banale) Geschichten zu erfinden. Oder auch zu erkennen, was die Authentizität einer Geschichten ausmacht.. Doch einen Versuch ist es natürlich wert, und Praxis bringt ja meistens mehr, als ewig nachzudenken, ob sich die Praxis lohnt…

Hier also eines der Produkte aus der Studie. Eine Jugenderinnerung…

Festival

Wir waren jung, gerade mal 16, und hatten keine Lust auf unnötigen Ballast. Also ließen wir das Zelt zu Hause, fuhren einfach ins Blaue hinein,  es war Sommer, Festivalzeit! Man lebt nur einmal, die Ganze Welt stand uns offen, nein, das ganze Universum! Wir warfen uns ins Geschehen, ziellos, atemlos, sprangen herum, Musik in den Ohren, im Kopf, wild, laut, kurz vor dem Zerplatzen. Wir sangen, wir grölten, wir glucksten, wir tranken, wir lachten, wir flogen und fielen.

Dann war die Musik aus und eine Sekunde später begann es zu schütten. Alle wurden angewiesen, das Festivalgelände so schnell wie möglich zu verlassen. Das hatten wir uns aber anders vorgestellt. Der Plan, an den überdachten Bierständen einfach bis zum Morgen weiterzutrinken, fiel ins Wasser…

Wir stellten uns unter einen Baum und hofften, dass es schnell wieder aufhören würde. Aber es wurde nur schlimmer, und schließlich war auch der letzte Festivalbesucher geflüchtet. Wir bleiben allein zurück, weit und breit war nichts, das nächste Dorf über 5 km entfernt. Was sollten wir jetzt nur machen, hier, mitten in der Pampa? Der Regen drang schon durch die dichtesten Büsche, von Schutz war da nichts mehr zu spüren. Also gingen wir los, einfach los, irgendwohin, die völlig verlassene, dunkle Straße entlang.

Die Schuhe fingen an zu quietschen und machten uns bewusst, wie still es eigentlich war. Nur der Regen und das gleichmäßige Quietschen. Bald waren wir vollkommen nass, aber wir kommentierten es nicht, wir gingen nur und schwiegen, denn  das war das Einzige, was es nicht schlimmer machte. Als aus dem Nichts plötzlich Scheinwerfer auftauchten, sprangen wir panisch zur Seite, hinein in den Straßengraben und schauten der möglichen verpassten Chance beim Verschwinden zu. Dann ging es wieder weiter, ohne Unterbrechung, ohne Licht. Nach etwa 30 Minuten tauchte im Dunkeln dann endlich etwas auf, was an ein Gebäude erinnerte. Wir näherten uns und erkannten, dass es sich um ein verlassenes Haus handelte, eine Bruchbude, um die sich schon lang keiner mehr kümmerte. Hier war sicher niemand mehr und wir würden bestimmt eine der verrotteten  Türen aufkriegen! Tatsächlich fanden wir schon nach kurzer Zeit einen Eingang und krochen ins Dunkle.

Etwas war komisch hier drinnen, die Luft war muffig und seltsam dunstig. Eine unheimlich unterdrückte Atmosphäre… Wir wagten erstmal nicht, uns zu bewegen, blind, wie wir waren. Dann begriffen wir – wir waren nicht allein. Irgendetwas lebte hier drinnen, aber was genau- ein Mensch, ein Tier oder ein Monster? Das konnten wir nicht erkennen. Unsere Augen gewöhnten sich nur langsam an diese tiefere Dunkelheit, aber  gerade so, dass wir schließlich schemenhaft erkennen konnten, was uns umgab. Undeutliche Gestalten saßen zwischen verfallenen Möbeln, Bauschutt und Gerümpel herum. Sie hatten das Versteck vor uns gefunden.

Die Gestalt direkt vor uns begann lauthals zu lachen, die anderen stimmten ein. Die Gruppe hatte sich offensichtlich einen Scherz daraus gemacht, uns dabei zuzusehen, wie wir hilflos im Raum standen. Der Typ, der zuerst gelacht hatte, forderte uns auf, uns zu setzen und bot uns ein Stück Gurke an, er war dabei, eine zu essen. Wir wollten nicht, setzten uns dann aber zu ihm auf den verdreckten Boden, viel Platz blieb uns nicht. Meine Hand landete dabei auf rauen, brennenden Bröseln aus Bauschutt, ich zog sie schnell zurück, doch etwas brannte leicht weiter.

Nun saßen wir da und warteten.

Wenn man unter anderen Umständen vom Regen ins Trockene kommt, und er so nett aufs Dach trommelt, fühlt man sich richtig geborgen und eine ganz besondere, urtümliche Gemütlichkeit macht sich breit. Aber da hat man dann auch trockene Kleider zum wechseln und schön warme Decken, in die man sich hineinkuscheln kann. Mit Glück sind da auch Leute, die man mag, oder man hat zumindest seine Ruhe. Hier dahingegen tropfte es von der Decke, der Muffgeruch und die Fremden, die, allein weil wir sie nicht sehen konnten, schon seltsam erschienen. Ihre uns unverständlichen Witze und ihr kollektives Lachen potenzierten außerdem das Gefühl der Entfremdung.

Meine Hand brannte noch immer, weshalb sich der unheimliche Eindruck ihn mir festigte, dass wir in irgendwelchen dubiosen Splittern herumsaßen, in möglicherweise verseuchtem Material, und es wahrscheinlich einen Grund gab, warum dieses Haus nicht mehr bewohnt wurde…

Der Regen wurde noch schlimmer, es war nicht zu glauben, dass der Himmel so eine Masse an Flüssigkeit beherbergen konnte. Die Zeit lief einfach weiter, endlos, zäh, als würde es nie mehr anders werden. Wir schwiegen wieder vor uns hin, aber es war ein anderes Schweigen als das auf der Straße, es war ein unangenehmes Schweigen, fast wie ein Luftanhalten, und dann hielten wir es nicht mehr aus. Wir flüchteten, Wind und Regen schlugen uns ins Gesicht. Das Wasser auf der Straße stand inzwischen in den Senken kniehoch, wir wateten einfach hindurch, immer weiter, wie Räumfahrzeuge, im Takt zum Quietschen der Schuhe, das manchmal von tiefen Pfützen verschluckt wurde. Immer weiter gingen wir auf der zum Fluss gewordenen Straße, nicht so genau wissend, was das bringen sollte, und trotzdem froh, „entkommen“ zu sein. Der Regen wusch auch das brennende Bröselmaterial von meiner Hand, und später, im Licht, war auf wundersame Weise gar nichts zu sehen, kein Ausschlag, kein Spreißel, alles einfach weg.

Doch noch gab es nirgends Licht, nur Dunkelheit und Nässe. Wir hofften, dass wir wenigstens die Richtung zum nächsten Ort eingeschlagen hatten, denn es waren sicher wieder 30 Minuten vergangen, ohne dass sich etwas tat. Aber wir waren auch langsamer als vorher, oder wir hatten das Zeitgefühl verloren in unserer Gleichförmigkeit, Wiederholung um Wiederholung, eine Reise, eine Ewigkeit. Nun waren wir nicht nur nass bis auf die Haut, sondern bis unter die Haut, aufgequollen war sie, und unsere Fingerspitzen faltig von der Nässe.

Dann kamen endlich, schemenhaft, ein paar Häuser in Sicht, echte Häuser, nicht nur verfallene Überreste! Wir hatten den Ort erreicht! Aber es war immer noch mitten in der Nacht, alle Häuser waren dunkel, wir sahen aus wie Zombies und verkörperten sicher den Albtraum der hiesigen Bewohner. Was konnten wir tun?

Wir blieben bescheiden und hofften lediglich auf ein Bushaltestellenhäuschen, auf ein Café, das seine Markise aufzurollen vergessen hatte oder auf irgendein Vordach, unter dem wir uns auf einen Treppenabsatz setzen konnten. Aber es sah nicht danach aus, als ob wir fündig würden. Der Ort war klein, bald würde wir durchgelaufen sein… Wenn hinter dem nächsten Knick der Straße wieder nichts kommen würde, könnten wir uns genauso gut einfach auf die Straße legen um auf ihr davonzuschwimmen wie Treibholz. Kaum noch hoffend bogen wir also um die Ecke und da sahen wir es. Ein Licht! Unsere Rettung! Es lebe die moderne Zivilisation. Und ausnahmsweise auch der Kapitalismus. Denn was wir vor uns sahen, bot uns Schutz und Trockenheit! Wir  stürmten darauf es los, das Licht am Ende des Tunnels. Zwar waren wir auch hier nicht allein – ein älterer Mann lag in einer Ecke und drehte im Halbschlaf eine Plastikflasche hin und her, die er als Kissen zu benutzen versuchte. Aber es war trocken. Es war hell. Es war steril. Es war eine Bank!

Wir hängten einen Teil unserer Kleider zum Trocknen über die Automaten. Schon bald waren die großen Scheiben vollkommen beschlagen und die Sicht nach draußen vernebelt. Schlaf zu finden war auch hier nicht gerade leicht, aber wir waren immerhin keine Höhlenmenschen und keine Heimatlosen mehr, die den Naturgewalten ausgeliefert waren.

Als es dämmerte, wurden die Scheiben wieder klarer, und wir sahen, dass der Regen aufgehört hatte. Schnell verließen wir die Bank, bevor der schlafende „Patron“ unser Eindringen bemerken konnte, und stellten uns, noch immer feucht und muffig, an den Straßenrand. Es war höchstens 8 Uhr morgens, an einem Sonntag, und wir waren im Nirgendwo. Nicht gerade die beste Vorraussetzung, um zu trampen. Außerdem sahen wir ziemlich übel aus, da machten wir uns keine Illusionen. Aber wir waren immerhin Mädchen. Und wahrscheinlich konnte gerade deshalb das Wunder geschehen. Weil wir im Grunde unseres Herzens doch keine knallharten Abenteurer waren, sondern eigentlich ganz nette Mädchen, die selbst als Zombies noch Vertrauen erwecken oder vielleicht auch nur Mitleid erregen konnten. Eine Frau hielt an, nahm uns mit und fuhr – ausgerechnet – genau in unsere Stadt! Auf der Strecke von etwa 130 km feuchteten wir nachhaltig ihr Auto ein, zwar mit etwas schlechtem Gewissen, aber gleichzeitig froh, auf dem Weg zurück in die „Normalität“ zu sein!

Cyborgenheit

Als ich damals nach dem Kauf meines Notebooks von meinem virtuellen Einrichtungsassistenten gefragt wurde, wie ich es nennen möchte, gab ich ihm den Namen „Bester Freund“.

Es war natürlich als Witz gemeint, aber vielleicht war ich auch einfach Realist.

Ich verbringe, wie die meisten unter uns, täglich viele Stunden am Computer. Notgedrungen, aber zwischendurch natürlich auch freiwillig. Ich verbringe mit diesem „besten Freund“ also wahrscheinlich sogar mehr Zeit, als mit jedem anderen Freund.

Und so wie die meisten Freundschaften sich vor allem vertiefen, weil man sich regelmäßig sieht, sich aneinander gewöhnt und mit möglichen Macken umzugehen lernt, so habe ich auch zu diesem besten Freund inzwischen eine Art Beziehung aufgebaut. Ich bin sogar schon so weit, dass ich ihn brauche. Natürlich um zu arbeiten. Aber auch einfach so. Er ist ein permanentes Beschäftigungsinstrument, eine elektronische ABM-Maßnahme, solange sein Bildschirm bunt und erleuchtet ist, hat man zumindest die Illusion von irgendeiner Art von Leben oder Beschäftigung. Er kann ja auch so viel… Er ist ein wandelndes Büro, eine Jukebox, ein Videoplayer, eine Kommunikationsstation, man kann ihn auch als (öffentliches oder privates) Tagebuch verwenden, und wer will, findet in ihm auch einen Spielpartner oder sogar einen Therapeut. Mit der entsprechenden Software ist alles möglich!

Man kann also auch mit ihm reden! Er hört einem stets geduldig zu, ohne zu murren. Er hört zwar nicht auf einen, am allerwenigsten, wenn er nicht angehen will oder sich plötzlich selbstständig macht oder abstürzt. Er kann auch äußerst undurchsichtig sein, ihn zu verstehen ist eine Herausforderung. Aber auch wenn er nicht direkt mit einem redet, so kann man zumindest durch ihn mit anderen reden, und dabei hin und wieder sogar lernen, ihn besser zu verstehen.
Ich kann mir zum Beispiel von anderen Tipps zusammen googeln, wie ich ein Problem lösen kann – zumindest solange er noch angeht – und durch ihn auch Software finden, die ihn, aber vor allem mich rettet!

Man kann durch ihn Smalltalk halten oder seine Seele offenbaren, Freunden, Fremden… Auch am Ende der Welt bleibt man so nicht außerhalb und trifft seine Freunde nicht unbedingt seltener sondern nur ein bisschen anders als sonst.

Kommunikation ist der Strom, der durch den Computer über die Tastatur erst in die Finger und dann in den Blutkreislauf fließt. Dann spürt man sie wahrhaft, die „Cyborgenheit“. Der Bildschirm wird zu einem Fenster in die Welt, in Traumlandschaften, zu Weltverschwörungstheorien, auf jeden Fall weit hinaus über den Raum, in dem man sich befindet.

Ins Netz zu gehen, ist fast, als würde man den Stromstecker einstecken, und da gibt es ja außer dem Internet auch noch das Handy. Kommunikation ist ein ewiges Echo und bestätigt immer wieder die eigene Existenz.

Nicht „connected“ zu sein dahingegen, plötzlich offline, ganz unvermutet, kann schnell Gefühle der Isolation und sogar der Machtlosigkeit auslösen. Man ist von der Welt abgeschnitten. Das Leben findet quasi ohne einen statt. Die eigene Welt scheint still zu stehen. Was für eine seltsame Form von Stille… Der Fluss des Lebens, der vorwiegend aus dem permanenten Informationsfluss zu bestehen scheint, ist unterbrochen. Arbeit bleibt liegen, aber auch in anderen Dingen ist plötzlich Geduld angesagt…

Schweigen. Warten. Und das vielleicht auf unbestimmte Zeit. Was hat man denn für eine Perspektive, wenn kein Ende absehbar ist…

Ich hasse Warten. Es ist zäh, es ist das Gegenteil von Aktivität, von Spontaneität und vor allem von Gestaltungsspielraum. Ich will sofort umsetzen, was mir in den Kopf kommt, unmittelbar reagieren. Auch im Netz. Gedanken in Emails umwandeln, fremdsprachige Wörter übersetzen lassen, wissen, wann die Bahn fährt, oder mich einfach über alles mögliche Informieren, was ich irgendwo gesehen, gelesen oder aufgeschnappt habe…

Als ich wegen meiner Diplomarbeit (Thema Virtuelle Welten) in verschiedenen Foren unterwegs war, fand ich auf die Frage „Gibt es ein Leben nach dem Internet“ Antworten wie:

„das internet wird es immer geben. vielleicht gibt es mal ne eiszeit und alles geht kaputt aber solange unsere welt zivilisiert bleibt wird sich das internet doch nicht wieder abschaffen „ (15 Jahre, männlich)

„ich frage mich oft das gegenteil: gab´s denn ein leben vor dem internet ? wie haben wir das früher nur ohne ausgehalten ?“ (19 Jahre, weiblich)

„Wenns Internet weg is, is es wie der tod und i glaub nachem tod gibt’s au kein leben.“ (14 Jahre, männlich)

„Ohne internet ist alles aus ! da gibt es nix mehr ! glaubt mir !“ (15 Jahre, männlich)

„Ein leben nach dem Internet?????? Nie im Leben, nur über meine Leiche!!!!!!
Also ich kann mir ein Leben ohne gar nimma vorstellen*PC streichel*“ (15 Jahre, weiblich)

„Leben was ist des und was heisst danach????????????????“ (15 Jahre, männlich)

Und trotzdem gibt es noch Leute, die der „Cyborgenheit“ offensichtlich nichts abgewinnen können. Sie besitzen immer noch kein Handy oder nicht mal einen Computer. Texte (und manchmal sogar Bewerbungen!) schreiben sie einfach per Hand! Eine Emailadresse haben einige von ihnen sogar, aber wenn ihr Postfach nicht sowieso voll ist, weil sie so lange nicht mehr rein geschaut haben, muss man muss Wochen, Monate oder Jahre warte, bis sie antworten. Wenn überhaupt…

Sind die noch von dieser Welt?
Und vor allem – wie machen die das?

Zugegeben, ich lasse Emails auch manchmal Monate liegen, weil man tendenziell im Alltag nur für Mails Zeit hat, die dringend sind, (bzw. einem dringend erscheinen) oder so banal, dass man sie auch schnell zwischendurch schreiben kann. Andere Mails muss man sich richtig vornehmen, z.B. an alte Freunde, die man nur ganz selten sieht. Bei denen muss man sich erstmal überlegen, was aus dem momentanen Leben überhaupt berichtenswert ist.
Solche Mails ähneln dann manchmal echten Briefen, sie sind nicht spontan, schludrig oder kopflos, und man löscht sie auch nicht einfach so.
(Wobei ich leider ohnehin ein Mail- und Datenmessie bin…)

Aber ob das wirklich das Gleiche wie ein echter Brief ist? Ich hatte als Jugendliche mehrere Brieffreundinnen und darum massenhaft scheußlich schönes Briefpapier. Heute gibt es ja virtuelles Briefpapier, aber das benutzt doch keiner (mehr).

Jedenfalls kann es reichen, sich einmal im Jahr einen Brief zu schreiben, um über 40 Jahre in Kontakt zu bleiben und sich dann vielleicht auch mal wieder persönlich zu treffen. So ist es zumindest meine Mutter ergangen.

Ob das wohl auch mit Emails funktioniert…?

Na ja, man hat ja immerhin einige Freunde als selbsterneuernde Sammlung in Facebook, auf die man bei Gelegenheit zurückgreifen kann. Fragt sich nur, ob man in 40 Jahren noch weiß, woher (und ob) man sich eigentlich persönlich kannte…

Marlboro-Romantik

Die menschliche Emotion wird für alles Mögliche gebraucht.
Zum Beispiel zur Vermarktung von Scheiße.

Alles was man liebt, existiert auch in der Werbung oder in schlechten Filmen.
Und was war zuerst da?

Der intelligente Mensch lässt sich von der Sentimentalität der Werbung oder schlechten Filmen nicht beeindrucken oder manipulieren!

Der Verstand ist wach und kontrolliert die Möglichkeiten von Verdummung. Man distanziert sich besser von den allzu bekannten Phrasen und Taten!

Doch wo ist die Grenze zwischen Schwülstigkeit und Authentizität?
Ein schmaler Grad.

Wenn man auf der sicheren Seite bleiben will, distanziert man sich am Besten grundsätzlich davon, Emotionales gut zu finden! Das ist alles Kitsch, seicht, sentimental, pathetisch, süßlich, überladen und so weiter.
Es wird zwar so auf lange Sicht jede Art von Gefühl lächerlich, aber wenigstens macht man sich selbst nicht lächerlich!

In der Kunst ist besondere Vorsicht geboten. Da ist man besser pervers als romantisch, wenn man etwas machen will, was doch ein bisschen „unter die Haut“ geht. Sonst könnte man sich als minderbemittelter Hobby- oder Möchtegernkünstler outen!

Das „Schönste Gefühl der Welt“ eignet sich eigentlich nur noch als Rosamunde-Pilcher-Futter! Emotion, Kitsch, Romantik – besser nicht, denn das ist doch was für die verblödete Masse, Privatfernsehen, kunstfreie Zone, Mainstream, reisserisch, unterste Schublade!!!

Auch mir wurde bei manchen Filmen gesagt, dass ich aufpassen muss, nicht in Kitsch „abzurutschen“ oder an einen Werbeslogan zu erinnern. Tja… Ob mir das gelungen ist…

Nur, wenn die Ratio überdominant wird, und man sich von Emotionalität immer weiter distanziert, leidet auch die Lebensfreude und alles wird eintönig. In Filmen, in Büchern, in der Kunst, aber vor allem im Leben.

Was auf uns eingeprasselt ist, lässt sich leider nicht mehr löschen.

Manchmal wünsche ich mir, frei von all den Verunstaltungen zu leben.
Frei zu sein von dem ganzen Wissen, und all dem Beurteilen, dem kritischen Hinterfragen.

Es wäre schön, Dinge sagen zu können, Dinge schön finden zu können, von Dingen zu träumen, ohne zu wissen, dass sie schon tausend Mal in Daily Soaps gesagt und getan wurden…

Den Sternenhimmel ansehen, ohne jemals das Wort Kitsch gehört zu haben…
Einfach so sentimental, kindisch, theatralisch, hysterisch, esoterisch, … sein.

Ja. Ich bekenne mich zur „Marlboro-Romantik“…

Feuer, Sterne, Felsen, Kornfelder, Nachtwanderungen, Meer, das Morgenblau, Kondensstreifen, coquelicot-Felder, blaue Berge im Dunst, verwilderte Wälder, Sonnenstrahlen in Baumkronen, Strohballen…

Ich gebe zu, das funktioniert bei mir!

Und warum auch, nicht zu Abwechslung?

Das wollen, was alle wollen…

An einem schönen Ort sein. Ein Zuhause haben. Um einen herum Menschen, die man liebt. Akzeptiert sein. Keinen Druck. Keine Scham. Mal dumm sein dürfen. Mal Fehler machen. Ende der Kontrolle. Eine heile Welt! Ganz wie in der Werbung!

In den verbrauchten und missbrauchten Bildern steckt irgendwie doch noch eine Art Wahrheit über uns Menschen. Auch wenn uns (bzw. mich) unsere Bedürfnisse und Sehnsüchte* in ihrer aufpolierten, medial „wirksamen“ (?) Aufbereitung oft ankotzen.

*schreckliches Wort, vielleicht weil es ebenfalls stark missbraucht wurde…z.B. für Reisebroschüren oder Adels-Groschenromane.

Und trotzdem bin ich froh darüber, dass ich Dinge, die als trivialer Kitsch und abgestandene Romantik gelten, immer noch auf meine Weise genießen kann, und so Freude an den einfachen Dingen des Lebens finde!

Ich finde zum Beispiel, es gibt Orte, Begegnungen und Momente, wo einen etwas still beeindruckt, und dann spürt man auch, dass man nicht der erste Mensch ist, der dieses Gefühl hat, sondern dass es in jedem steckt, dass es universell und zeitlos ist.

So etwas Universelles hat man entdeckt, wenn man andere Menschen mit etwas, was man tut, sagt oder geschaffen hat, berühren kann.

Das klingt jetzt auch wieder kitschig. Aber ich finde die Vorstellung schön!

Erich’s Luxusduschbad

Ich habe heute in Lauenburgs Geschäften ein Produkt entdeckt, das ich Euch nicht vorenthalten möchte:

Am Besten davon gefällt mir Erich’s Luxusduschbad.

Das gab es noch schöner, und zwar schlicht und elegant in einer blauen Schachtel, mit demselben Aufdruck wie auf der Flasche.
Diese Schachtel hat mir zwar besser gefallen als das 3-er Set, aber ich wollte Euch die anderen Variationen nicht vorenthalten.

Auch schön ist DDR Margot´s Duftwolke, die Aufmachung ganz im Stil von Erich’s Luxusduschbad.

Diese Produkte sind sicher ein nettes Geschenk für die 11 % der Deutschen, die sich die Mauer zurückwünschen.

Doch Vorsicht! Der betörende Duft der Produkte, wenn man DDR und BRD mischt, kann dazu führen, dass man sich gegenseitig hemmungslos in die Arme schließt!!!

Nach dem ausgiebigen gemeinsamen Duschen werden dann in Zukunft womöglich nicht nur mehr als 4% der Ehen zwischen Ost- und Westdeutschen geschlossen sondern auch mehr gleichgeschlechtliche Ehen oder gar Ehen unter guten Freunden oder Spitzeln und Systemfeinden!

Bahnbrechend riskant dieses Produkt! Hoch die irrationale Solidarität!

Abschied von der grünen Maus

Jetzt ist mein letzter Blogeintrag entgegen meiner Vorsätze schon eine Woche her.
Aber ich war unterwegs und es ist einfach so viel anderes zu tun. Die Realität holt mich ein…
Noch dazu wird es immer schwerer, jeden Tag ein interessantes Thema zu finden…

Ich werde aber trotzdem weiterhin mindestens einmal die Woche meinen Beitrag an der fortschreitenden Datenvermüllung im Internet leisten!

Gestern Abend wurde zwei Häuser weiter Sperrmüll nach draußen gestellt, ganz oben auf dem Haufen thronte eine grüne Stoffmaus.

Diese Maus hatte etwas Faszinierendes durch ihre Absurdität. Man fragt sich, wem sie gehört hat, was sie „erlebt“ hat oder auch, wer sich überhaupt hat einfallen lassen, so ein Stofftier zu kreieren.

Während die Maus heute Morgen abtransportiert wurde, schaute eine Katze durchs Fenster zu:

Die grüne Maus

Die grüne Maus, ihr Ende und die Katze

Generell ist Sperrmüll für mich etwas Besonderes.

Es ist interessant, wie Straßen sich durch ihn verändern. Die heraus gestellten Möbel können, wenn sie gut erhalten, die Straße zum Beispiel in eine Art öffentliches Wohnzimmer verwandeln, das dazu einlädt, sich zwischendurch einfach mal hinzusetzen.

Auch das Stöbern macht Spaß. Als Kind habe ich, wenn in Stammheim der zentrale Sperrmüll war, immer alle möglichen Sachen nach Hause geschleppt, was meiner Mutter natürlich nicht gefiel. Leider wurde dieser zentrale Sperrmüll dann abgeschafft. Anscheinend gab es mit der Zeit zu viele konkurrierende Banden, die um die guten Stücke kämpften. Man sah tatsächlich einige Lieferwägen mehr in den Straßen als sonst.

Als ich in Frankfurt und Offenbach gewohnt habe, stammte ein großer Teil meiner Einrichtung aus dem Sperrmüll. Das waren paradiesische Zustände, es stand immer an irgendeiner Ecke etwas herum. Das vermisse ich in Hamburg.

Für meinen Film „Irrläufer“ haben wir auch einen Tag in Fulda gedreht, weil dort noch zentraler Sperrmüll stattfand.

Ganze Straßen voll Gerümpel erzeugen eine gewisse Unübersichtlichkeit, eine Unordnung, die ich als angenehm empfinde. Leute laufen mit gefundenen alten Sachen herum, und man kann ein bisschen vergessen, in was für einer modernen, technisch hoch entwickelten Welt wir leben.

Natürlich entsteht auch eine Atmosphäre von Verwahrlosung, wenn Sperrmüll herumsteht (besonders in Offenbach…). Denn es ist ja tatsächlich Müll, auch wenn ein paar Sachen meistens noch halbwegs gut erhalten sind. Aber genau dieser seltsame Zustand aus Chaos und Verfall beruhigt mich, ich mag diese Schäbigkeit. Wenn es noch dazu regnet, verwittert das Material, das Holz verbiegt sich, Bezüge verfärben sich. Endlich ist alles mal nicht aufpoliert, steril oder ordentlich, so dass man sich selbst getrost auch mal gehen lassen kann.

Im Angesicht eines Sperrmüllhaufens wird man sich auch der Vergänglichkeit von allem bewusst. Er zeigt, dass alles einmal zu Ende geht, dass die Zeit ihre Spuren hinterlässt und dass der Verfall zum Leben gehört.

Das mag für manche deprimierend sein, für mich ist es das nicht, ich empfinde es eher als menschlich.

Der Prozess der Abnutzung und der langsamen Auflösung ist normal und zeigt, dass Dinge eine Geschichte haben, dass sie benutzt und gebraucht wurden, dass sie zum Leben gehört haben, auch wenn sie jetzt traurig und verlassen auf der Straße stehen.

Auch was man lange gehegt und gepflegt hat, kann nicht ewig existieren, und so muss eben auch mal ein Lieblingssessel auf die Straße. Das ist eine Form des Loslassens, ein Sinnbild für den permanenten Wandel, für das Widerspiel zwischen alt und neu, und dafür, dass das Leben immer im Fluss ist.

Manchmal versinnbildlicht der Sperrmüllhaufen ein ganzes Leben, wenn man erkennt, dass es sich um eine Hauhaltsauflösung eines vermutlich alten und verstorbenen Menschen handelt.

Es ist natürlich traurig zu sehen, was greifbar, als „Materie“, von einem Leben zurückbleibt. Und dass diese Sachen dann auch zum großen Teil einfach so weg geworfen werden.

Aber man kann leider nicht jede Zuneigung weitervererben, zu diesem Sofa oder auch zu jedem alten Buch, das, obwohl es alt ist, für Antiquare keinen Wert hat. Letztendlich ist es wahrscheinlich auch wichtiger, dass man zu Lebzeiten eine Welt aus Alltagsgegenständen um sich herum hatte, mit denen man sich wohl gefühlt hat und zu denen man seinen persönlichen Bezug hatte, als dass diese Dinge einen überdauern.

Wenn ich einen solchen Sperrmüllhaufen sehe, denke ich trotzdem ein wenig betrübt an das Schicksal der Person, der das alles gehört hat, und manchmal nehme ich auch ein Buch oder etwas mit, bei dem ich denke, dass es etwas Besonderes war. Aber ich bin auch froh darüber, daran erinnert zu werden, dass nichts für immer ist, dass alles seine Zeit hat und eines Tages vorbei sein wird, und man sich darum daran freuen muss, solange es da ist.

Jeden Tag ein neuer Fluss

Es heißt, man steigt nicht zwei Mal in denselben Fluss. Also schaue ich jeden Tag auf einen neuen Fluss.

Die Elbe steigt zur Zeit. Der Weg direkt am Wasser ist wieder verschwunden, die Büsche und Gräser vom Ufer ragen nur noch ein bisschen aus dem Wasser. Die Enten sind jetzt woanders.

Diesmal haben sie die Bänke rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Die letzte war vor ein paar Monaten weg geschwommen.

An der Mauer erinnern Markierungen an die schlimmsten Fluten seit mehr als 200 Jahren.

Fassungslos und fasziniert stehen sonst die Touristen davor und stellen sich vor, wie das Wasser weit über ihren Köpfen steht und wie sie unter der Oberfläche herumwandeln. Heute steht dort keiner und staunt. Das Wasser stünde ihm bis zur Hüfte. Für eine Markierung reicht das nicht.

Täglich ziehen diese Wassermassen an mir vorbei.
Ich sehe deren Oberfläche, ich sehe Muster, die der Regen und der Wind auf ihnen erzeugt.
Ich sehe den Himmel als Spiegelung.
Was im Wasser ist, sehe ich nicht. Ich sehe nicht, was mit ihm davon treibt.

Es gleicht sich, Tag für Tag. Auch wenn etwas darin verloren geht. Ein Stein, ein Fass, ein Handy und das andere. Unaufhaltbar fließt es weiter und verschluckt, was ihm nicht ausweichen kann. Materielle, ideelle Dinge, fort, nicht auffindbar.

Auch was auf dem Grund liegt, seit Jahren, Jahrzehnten, ist nicht zu erkennen. Manche möchten es auch nicht wissen.

Wenn man badet, greift der Schlamm nach den Füßen.
Schlamm, in dem manchmal auch etwas stecken bleibt. Scherben, Flaschen, ein Anker, Geschichten.
Der Schlamm fühlt sich seltsam an.

Ich bin nie auf etwas Festes gestoßen.