Cyborgenheit

Als ich damals nach dem Kauf meines Notebooks von meinem virtuellen Einrichtungsassistenten gefragt wurde, wie ich es nennen möchte, gab ich ihm den Namen „Bester Freund“.

Es war natürlich als Witz gemeint, aber vielleicht war ich auch einfach Realist.

Ich verbringe, wie die meisten unter uns, täglich viele Stunden am Computer. Notgedrungen, aber zwischendurch natürlich auch freiwillig. Ich verbringe mit diesem „besten Freund“ also wahrscheinlich sogar mehr Zeit, als mit jedem anderen Freund.

Und so wie die meisten Freundschaften sich vor allem vertiefen, weil man sich regelmäßig sieht, sich aneinander gewöhnt und mit möglichen Macken umzugehen lernt, so habe ich auch zu diesem besten Freund inzwischen eine Art Beziehung aufgebaut. Ich bin sogar schon so weit, dass ich ihn brauche. Natürlich um zu arbeiten. Aber auch einfach so. Er ist ein permanentes Beschäftigungsinstrument, eine elektronische ABM-Maßnahme, solange sein Bildschirm bunt und erleuchtet ist, hat man zumindest die Illusion von irgendeiner Art von Leben oder Beschäftigung. Er kann ja auch so viel… Er ist ein wandelndes Büro, eine Jukebox, ein Videoplayer, eine Kommunikationsstation, man kann ihn auch als (öffentliches oder privates) Tagebuch verwenden, und wer will, findet in ihm auch einen Spielpartner oder sogar einen Therapeut. Mit der entsprechenden Software ist alles möglich!

Man kann also auch mit ihm reden! Er hört einem stets geduldig zu, ohne zu murren. Er hört zwar nicht auf einen, am allerwenigsten, wenn er nicht angehen will oder sich plötzlich selbstständig macht oder abstürzt. Er kann auch äußerst undurchsichtig sein, ihn zu verstehen ist eine Herausforderung. Aber auch wenn er nicht direkt mit einem redet, so kann man zumindest durch ihn mit anderen reden, und dabei hin und wieder sogar lernen, ihn besser zu verstehen.
Ich kann mir zum Beispiel von anderen Tipps zusammen googeln, wie ich ein Problem lösen kann – zumindest solange er noch angeht – und durch ihn auch Software finden, die ihn, aber vor allem mich rettet!

Man kann durch ihn Smalltalk halten oder seine Seele offenbaren, Freunden, Fremden… Auch am Ende der Welt bleibt man so nicht außerhalb und trifft seine Freunde nicht unbedingt seltener sondern nur ein bisschen anders als sonst.

Kommunikation ist der Strom, der durch den Computer über die Tastatur erst in die Finger und dann in den Blutkreislauf fließt. Dann spürt man sie wahrhaft, die „Cyborgenheit“. Der Bildschirm wird zu einem Fenster in die Welt, in Traumlandschaften, zu Weltverschwörungstheorien, auf jeden Fall weit hinaus über den Raum, in dem man sich befindet.

Ins Netz zu gehen, ist fast, als würde man den Stromstecker einstecken, und da gibt es ja außer dem Internet auch noch das Handy. Kommunikation ist ein ewiges Echo und bestätigt immer wieder die eigene Existenz.

Nicht „connected“ zu sein dahingegen, plötzlich offline, ganz unvermutet, kann schnell Gefühle der Isolation und sogar der Machtlosigkeit auslösen. Man ist von der Welt abgeschnitten. Das Leben findet quasi ohne einen statt. Die eigene Welt scheint still zu stehen. Was für eine seltsame Form von Stille… Der Fluss des Lebens, der vorwiegend aus dem permanenten Informationsfluss zu bestehen scheint, ist unterbrochen. Arbeit bleibt liegen, aber auch in anderen Dingen ist plötzlich Geduld angesagt…

Schweigen. Warten. Und das vielleicht auf unbestimmte Zeit. Was hat man denn für eine Perspektive, wenn kein Ende absehbar ist…

Ich hasse Warten. Es ist zäh, es ist das Gegenteil von Aktivität, von Spontaneität und vor allem von Gestaltungsspielraum. Ich will sofort umsetzen, was mir in den Kopf kommt, unmittelbar reagieren. Auch im Netz. Gedanken in Emails umwandeln, fremdsprachige Wörter übersetzen lassen, wissen, wann die Bahn fährt, oder mich einfach über alles mögliche Informieren, was ich irgendwo gesehen, gelesen oder aufgeschnappt habe…

Als ich wegen meiner Diplomarbeit (Thema Virtuelle Welten) in verschiedenen Foren unterwegs war, fand ich auf die Frage „Gibt es ein Leben nach dem Internet“ Antworten wie:

„das internet wird es immer geben. vielleicht gibt es mal ne eiszeit und alles geht kaputt aber solange unsere welt zivilisiert bleibt wird sich das internet doch nicht wieder abschaffen „ (15 Jahre, männlich)

„ich frage mich oft das gegenteil: gab´s denn ein leben vor dem internet ? wie haben wir das früher nur ohne ausgehalten ?“ (19 Jahre, weiblich)

„Wenns Internet weg is, is es wie der tod und i glaub nachem tod gibt’s au kein leben.“ (14 Jahre, männlich)

„Ohne internet ist alles aus ! da gibt es nix mehr ! glaubt mir !“ (15 Jahre, männlich)

„Ein leben nach dem Internet?????? Nie im Leben, nur über meine Leiche!!!!!!
Also ich kann mir ein Leben ohne gar nimma vorstellen*PC streichel*“ (15 Jahre, weiblich)

„Leben was ist des und was heisst danach????????????????“ (15 Jahre, männlich)

Und trotzdem gibt es noch Leute, die der „Cyborgenheit“ offensichtlich nichts abgewinnen können. Sie besitzen immer noch kein Handy oder nicht mal einen Computer. Texte (und manchmal sogar Bewerbungen!) schreiben sie einfach per Hand! Eine Emailadresse haben einige von ihnen sogar, aber wenn ihr Postfach nicht sowieso voll ist, weil sie so lange nicht mehr rein geschaut haben, muss man muss Wochen, Monate oder Jahre warte, bis sie antworten. Wenn überhaupt…

Sind die noch von dieser Welt?
Und vor allem – wie machen die das?

Zugegeben, ich lasse Emails auch manchmal Monate liegen, weil man tendenziell im Alltag nur für Mails Zeit hat, die dringend sind, (bzw. einem dringend erscheinen) oder so banal, dass man sie auch schnell zwischendurch schreiben kann. Andere Mails muss man sich richtig vornehmen, z.B. an alte Freunde, die man nur ganz selten sieht. Bei denen muss man sich erstmal überlegen, was aus dem momentanen Leben überhaupt berichtenswert ist.
Solche Mails ähneln dann manchmal echten Briefen, sie sind nicht spontan, schludrig oder kopflos, und man löscht sie auch nicht einfach so.
(Wobei ich leider ohnehin ein Mail- und Datenmessie bin…)

Aber ob das wirklich das Gleiche wie ein echter Brief ist? Ich hatte als Jugendliche mehrere Brieffreundinnen und darum massenhaft scheußlich schönes Briefpapier. Heute gibt es ja virtuelles Briefpapier, aber das benutzt doch keiner (mehr).

Jedenfalls kann es reichen, sich einmal im Jahr einen Brief zu schreiben, um über 40 Jahre in Kontakt zu bleiben und sich dann vielleicht auch mal wieder persönlich zu treffen. So ist es zumindest meine Mutter ergangen.

Ob das wohl auch mit Emails funktioniert…?

Na ja, man hat ja immerhin einige Freunde als selbsterneuernde Sammlung in Facebook, auf die man bei Gelegenheit zurückgreifen kann. Fragt sich nur, ob man in 40 Jahren noch weiß, woher (und ob) man sich eigentlich persönlich kannte…

Veröffentlicht in: Blog

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