Existenzminimum

„Wer kriegt die Krise?“ war die allerletzte Preisfrage der Jungen Akademie,  zu der man Beiträge  aus Wissenschaft, Literatur und Kunst einschicken konnte. (Die Anthologie dazu gibts momentan auch noch auf www.amazon.de)

Da jetzt das Wort „Krise“ wieder in aller Munde ist,  stelle ich meinen Beitrag „Existenzminimum“ jetzt auch mal hier online. Es handelt sich dabei um eine Art fiktives Essay – sprich – ich bin nicht wirklich ich, und es gibt diese Personen nicht  genau so, aber so ähnlich 😉

Existenzminimum

Ich bin 35 Jahre alt. Laut den Berechnungen von Statistikern bin ich arm. Es fällt mir nicht sonderlich auf, da ich es nicht so empfinde oder auch nichts Anderes kenne. Es besser, sich nicht zu erlauben, etwas anderes zu wollen. Und vernünftiger. Nicht jeder ist bereit, so ein Leben zu teilen. Und Kindern, die keine Wahl haben, sollte man das ersparen.

Ich wohne noch immer in der 1-Zimmer-Wohnung mit 25 qm Größe, in der ich schon als Student gewohnt habe. Die Einbauküche ist von 1980, den Schränken fehlen teilweise die Türen, aber das stört mich nicht. Ein Auto besitze ich nicht. Hin und wieder fahre ich dennoch in Urlaub. Ich schließe mich Fahrgemeinschaften an und übernachte in Wohnungen von Menschen, die ich aus dem Internet kenne. Ich feiere auch Partys. Meinen Gästen reicht das billige Bier, das es gibt. Sie bringen ebenso billigen Wein von der Tankstelle mit, oder No-Name-Martini.

Ich bin nicht unzufrieden mit meinem Leben. Aber es ist ein Leben auf der Schwelle. Der Abgrund ist sichtbar und der Schritt dorthin nicht weit. Die Zukunft ist ein zweischneidiges Schwert. Manchmal löst sie sich geradezu auf.

Meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit einer Arbeit, bei der ich meine Fähigkeiten nicht wirklich nutzen kann. Selbstverwirklichung ist es nicht. Ich habe versucht, etwas Passenderes zu finden, doch in der Branche gibt es feste Strukturen, wenig Offenheit, nicht viele mutige Entscheidungen und viel Vitamin B.

Man muss sich erst beweisen, aber auch das genügt nicht. Es kommt auch darauf an, dass die Richtigen, die Wichtigen, dabei zusehen. Und ich weiß nicht, wie man das anstellt.
So ist  mein momentaner Job lediglich eine Annäherung ans Überleben. Er schafft kaum finanzielle Sicherheiten und noch weniger andere.
In letzter Zeit habe ich ein schlechtes Gefühl. Es sagt mir, dass ich bald ersetzt werde. Ich wäre nicht der Erste. Auch meine Vorgänger wurden ausgetauscht, nicht selten von heute auf morgen. Meine Auftraggeber und Kollegen sind nett und sympathisch. Aber ich weiß, dass mein Überleben nicht in ihrer Agenda steht. Sie bangen zu sehr um ihr eigenes. Das weckt manchmal auch einen besonderen Ehrgeiz. Vielleicht halten sie deshalb heimlich nach einer Optimierung Ausschau. Nach einer Optimierung, die nicht auf hochwertigere Resultate zielt, sondern auf eine Optimierung ideeller Natur.

Mich befremdet der Ansturm auf einen Job, in dem auch die Konkurrenz ihre Fähigkeiten nicht entfalten kann. Aber das sind wohl die Zeichen der Zeit. Ich weiß nicht, ob mein Nachfolger höher qualifiziert sein wird als ich, aber vermutlich nicht. Und selbst wenn, würde das keine besseren Resultate bringen, denn ich bin ja bereits überqualifiziert…
Was einen Nachfolger dennoch rechtfertigt, ist die vorübergehende Beruhigung, die Neuerungen schaffen. Es genügt, wenn mein Konkurrent den Eindruck vermittelt, mehr zu sein als ich. Menschen, die glaubhaft vermitteln, etwas Besseres oder etwas Besonderes zu sein, ohne dabei herablassend zu wirken, sind wohltuend. Denn sie signalisieren ihrer Umgebung, ebenfalls besser und besonders zu sein. Die bloße Existenz einer solchen Person erzeugt den Eindruck einer Aufwertung. Man hat endlich einen großen Fang gemacht! Ja. Heutzutage kann man sich tatsächlich größere Fische leisten. Auch sie müssen in kleine Aquarien ausweichen, seitdem die großen leer laufen.

Selbstvermarktung ist eine Kunst, die ich leider nicht beherrsche. Meine Kunst ist die Bescheidenheit. Manchmal gefällt es mir sogar, unterschätzt zu werden, da die Überraschung groß ist, wenn man das Gegenteil beweißt. Aber dazu braucht es eine Gelegenheit. Mir gefällt es auch, wenn das Leben hinter der Fassade bunter ist, als die Fassade selbst. „Mehr Sein als Schein“. Aber es ist nicht praktisch. Und ich erliege Irrtümern. Zum Beispiel dem Glauben, dass alles was nicht glänzt, Gold sein könnte.

Um meinen Alltagssorgen zu entkommen, lade ich gern spontan Leute in meine Küche ein. Ein Bier und gute Musik entspannen uns dann. Auch heute. Die üblichen Verdächtigen. Sie sind alle gekommen. Und ich seh’ sie mir an. Wir alle haben oder hatten höherer Ziele. Aber jetzt, in diesem Moment, denke ich, dass das Scheitern auch ein Statement ist. Eine Haltung. Eine Überzeugung. Und ich bin stolz auf uns. Proste allen zu.
Die Stunden fliegen und schließlich kommt die Stunde, in der nur der harte Kern übrig ist. Und man doch wieder redet. Hans hat Angst, erneut in Hartz IV „abzurutschen“. Er ist 53 Jahre alt und ihm wurde bei seiner letzten Bewerbung ein Praktikum angeboten. Seit über 25 Jahren arbeitet er in seinem Job, aber praktische Erfahrung kann man wohl nie genug sammeln. Sven, 30, der kürzlich sein Studium beendet hat, macht gerade solch ein Praktikum. Die Frau von der Personalabteilung schaut ihn schief an, seitdem sie weiß, dass er aufstockend Hartz IV bekommt. Hartzer sind ihr nicht ganz geheuer. Es sind ja nun mal schon Schmarotzer. Der Gedanke, dass die Firma ihm stattdessen ein Gehalt zahlen könnte, von dem er leben kann, findet einfach nicht in ihr Gehirn.

Katja, gerade 29 geworden, erzählt, dass sie auf dem Arbeitsamt immer wieder zu hören bekommt, dass sie bald auch als Raumpflegerin vermittelt werden kann. Sie ist dabei, sich selbstständig machen, doch ihre Jobberaterin geht davon aus, dass ihr trotz Businessplan sowieso kein Zuschuss bewilligt wird. Vor Katja musste sie auch noch niemanden betreuen, der sich selbstständig machen wollte, und so wünscht sie sich wahrscheinlich, dass weiterhin nichts ihren gewohnten Arbeitsablauf durchkreuzt. Katja hört bei allen Entmutigungen allerdings hartnäckig weg, denn sie besitzt die beneidenswerte Fähigkeit, Widerstand in Energie zu verwandeln.

Anne, 41, findet, dass Katja sich zu abfällig über den Job einer Raumpflegerin äußert. Sie arbeitet seit 8 Jahren abends als Putzfrau, um sich zu finanzieren. Das findet sie in Ordnung, weil ihr so Zeit bleibt, sich noch mit anderen, den „eigentlichen Dingen“ zu beschäftigen. Das haben wir alle gemeinsam. Wir versuchen nebenher, unser eigenes Ding zu machen. Das, wozu wir uns „berufen“ fühlen. Musik. Kritzeleien. Oder Texte. Manchmal nennen wir uns „Teilzeitkünstler“, um es mit Humor zu nehmen. Den brauchen wir auch, denn wir sind erfolglos. Zumindest, wenn man Erfolg daran misst, ob unsere „Werke“ unser Überleben sichern. Das Gegenteil ist der Fall. Meistens müssen wir für Präsentationen Geld investieren, das wir nicht haben.

Anne verkündet, dass die Akzeptanz von Bräunungscreme in der Welt weit höher ist als die von Kunst. Hans stimmt ihr zu und sagt, dass alles, was Geld einbringt, nicht in Frage gestellt wird. Darum stünde wiederum alles, was kein, oder auch nur nicht sofort Geld bringt, unter Rechtfertigungszwang. Katja nickt und denkt sofort an ihre Arbeitsvermittlerin.
„Jeder der arbeitet, unterstützt den Kapitalismus. Auch wenn man es eigentlich gar nicht will – man kann doch nur mit Arbeit Geld verdienen, die dem Prinzip des Kapitalismus folgt, und das stärkt ihn und macht ihn sogar unanfechtbar. Denn Arbeit, die nicht zur Vermehrung von Geld führt, wird nicht bezahlt!“
„Doch, im sozialen Bereich!“, provoziert Sven. Und Katja ereifert sich erst recht.
„Arbeiten wir im weitesten Sinne nicht auch im sozialen Bereich? Wir können ja nicht alle Altenpfleger, Streetworker oder Sanitäter werden! Ich wäre darin jedenfalls schlecht! Man muss doch das Recht haben, das zu tun, was man wirklich will. Und was man auch am Besten kann!“ Katja schaut Sven herausfordernd an. Doch der zuckt nur noch mit den Schultern. Die gesagten Worte verschwimmen im Raum und lösen sich langsam auf.

Oft stranden unsere Gespräche in Kapitalismuskritik. Dann lassen wir es lieber bleiben und schweigen. Wir wollen uns nicht wiederholen. Wir wollen nicht zu denen gehören, die nur reden, sich nur beklagen. Die immer wieder mit denselben Parolen kommen. Parolen, die Wahrheiten enthalten. Aber die zu oft gesagt wurden und  zuwenig verändern konnten. Sie sind der Inbegriff einer Lähmung geworden.

Schon in der Jugend wurde uns Politikverdrossenheit vorgeworfen. Aber was sollen wir hinzufügen, zu dem, was unsere Eltern einmal gesagt haben, bevor sie uns bekamen und in ein Reihenhaus zogen?
Jahrelang wurden wir darauf getrimmt, in die Zukunft gerichtet zu leben. Ein Etappenziel jagte das nächste: Abitur, Zwischenprüfung, Diplom, Master. Es war ein Leben in Raten, bei dem man auf Oasen hinarbeitet: Freizeit, Vergnügen, Urlaub.
Nun irritiert uns die Zukunftslosigkeit. Sicherheit wird ein abstrakter Bergriff. Auch dem Festangestellten bleibt nur Sicherheit in der Länge, wie seine Kündigungsfrist andauert.Die Vorstellung eines lebenslangen, permanenten Aufstiegs existiert nur noch in Computerspielen. Nähern wir uns vielleicht wieder dem tagtäglicher Kampf um ein Stück Büffelfleisch?
Die eine Wahrheit gibt es jedenfalls nicht mehr. Genauso wenig wie die eine Zukunft. Wir sind Individualisten. Und wissen es trotzdem nicht besser. Wir wissen nur, dass wir nicht weiter wissen. Und darum schweigen wir. Jeder für sich.

Vielleicht sind wir auch selbst unsere erbittertsten Feinde. Wir haben das Prinzip des Kapitalismus absolut verinnerlicht. Wir erlegen uns den Rechtfertigungszwang selbst auf. Es fällt uns schwer, unser Tun anzuerkennen, weil es nichts einbringt. Die Existenz eines Publikums ist ein Trost, aber er ist zu schwach, um die Zweifel zu zerstreuen. Und zugleich nährt auch die Unsicherheit des täglichen Überlebens unsere Zweifel.

Anne bricht schließlich das Schweigen. Sie hebt ihr Glas und prostet uns zu. „Auf die Zukunft!“ Wir stoßen miteinander an und drehen die Musik lauter.

Dass wir weitermachen, reicht als Beweis. Und dass uns der Mangel manchmal auch wie einer Art Freiheit vorkommt, heißt wohl, dass wir größere Optimisten sind, als wir uns eingestehen.

Veröffentlicht in: Blog

7 Gedanken zu „Existenzminimum

  1. Joan sagt:

    Eigentlich geht`s bei mir ganz gut. Ich wollte Dir nur ein Kompliment für den schönen Text machen und Dich aufbauen. Du weißt ja, dass ich von Dir viel halte.
    Aber natürlich kenne ich auch den Frust über das ewige funktionieren (immer schön konform und konventionell) und leisten müssen (Geld verdienen).

    • clairewalka sagt:

      Aha, verstehe ;o) Dann gratuliere. Aber es ist ja auch nur ein fiktives Essay, mit eine paar wahren Begebenheiten aber natürlich auch mit Silberstreifen am Horizont! Denn irgendwie ist ja nichts umsonst!

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