Festival

Um das Wesen von wahren Geschichten oder dem alltäglichen Leben besser fassen zu können, habe ich mir von einer Weile vorgenommen, ein paar Erlebnisse aus meinen Leben aufzuschreiben und sie natürlich ein wenig zu verändern wie auch zu versuchen, sie mit literarischen Mitteln zu „erhöhen“ oder so…

Was ich davon halte, weiß ich noch nicht genau, und auch nicht, ob ich mit dieser Methode wirklich etwas finde, was es mir erleichtert, alltägliche (und trotzdem nicht banale) Geschichten zu erfinden. Oder auch zu erkennen, was die Authentizität einer Geschichten ausmacht.. Doch einen Versuch ist es natürlich wert, und Praxis bringt ja meistens mehr, als ewig nachzudenken, ob sich die Praxis lohnt…

Hier also eines der Produkte aus der Studie. Eine Jugenderinnerung…

Festival

Wir waren jung, gerade mal 16, und hatten keine Lust auf unnötigen Ballast. Also ließen wir das Zelt zu Hause, fuhren einfach ins Blaue hinein,  es war Sommer, Festivalzeit! Man lebt nur einmal, die Ganze Welt stand uns offen, nein, das ganze Universum! Wir warfen uns ins Geschehen, ziellos, atemlos, sprangen herum, Musik in den Ohren, im Kopf, wild, laut, kurz vor dem Zerplatzen. Wir sangen, wir grölten, wir glucksten, wir tranken, wir lachten, wir flogen und fielen.

Dann war die Musik aus und eine Sekunde später begann es zu schütten. Alle wurden angewiesen, das Festivalgelände so schnell wie möglich zu verlassen. Das hatten wir uns aber anders vorgestellt. Der Plan, an den überdachten Bierständen einfach bis zum Morgen weiterzutrinken, fiel ins Wasser…

Wir stellten uns unter einen Baum und hofften, dass es schnell wieder aufhören würde. Aber es wurde nur schlimmer, und schließlich war auch der letzte Festivalbesucher geflüchtet. Wir bleiben allein zurück, weit und breit war nichts, das nächste Dorf über 5 km entfernt. Was sollten wir jetzt nur machen, hier, mitten in der Pampa? Der Regen drang schon durch die dichtesten Büsche, von Schutz war da nichts mehr zu spüren. Also gingen wir los, einfach los, irgendwohin, die völlig verlassene, dunkle Straße entlang.

Die Schuhe fingen an zu quietschen und machten uns bewusst, wie still es eigentlich war. Nur der Regen und das gleichmäßige Quietschen. Bald waren wir vollkommen nass, aber wir kommentierten es nicht, wir gingen nur und schwiegen, denn  das war das Einzige, was es nicht schlimmer machte. Als aus dem Nichts plötzlich Scheinwerfer auftauchten, sprangen wir panisch zur Seite, hinein in den Straßengraben und schauten der möglichen verpassten Chance beim Verschwinden zu. Dann ging es wieder weiter, ohne Unterbrechung, ohne Licht. Nach etwa 30 Minuten tauchte im Dunkeln dann endlich etwas auf, was an ein Gebäude erinnerte. Wir näherten uns und erkannten, dass es sich um ein verlassenes Haus handelte, eine Bruchbude, um die sich schon lang keiner mehr kümmerte. Hier war sicher niemand mehr und wir würden bestimmt eine der verrotteten  Türen aufkriegen! Tatsächlich fanden wir schon nach kurzer Zeit einen Eingang und krochen ins Dunkle.

Etwas war komisch hier drinnen, die Luft war muffig und seltsam dunstig. Eine unheimlich unterdrückte Atmosphäre… Wir wagten erstmal nicht, uns zu bewegen, blind, wie wir waren. Dann begriffen wir – wir waren nicht allein. Irgendetwas lebte hier drinnen, aber was genau- ein Mensch, ein Tier oder ein Monster? Das konnten wir nicht erkennen. Unsere Augen gewöhnten sich nur langsam an diese tiefere Dunkelheit, aber  gerade so, dass wir schließlich schemenhaft erkennen konnten, was uns umgab. Undeutliche Gestalten saßen zwischen verfallenen Möbeln, Bauschutt und Gerümpel herum. Sie hatten das Versteck vor uns gefunden.

Die Gestalt direkt vor uns begann lauthals zu lachen, die anderen stimmten ein. Die Gruppe hatte sich offensichtlich einen Scherz daraus gemacht, uns dabei zuzusehen, wie wir hilflos im Raum standen. Der Typ, der zuerst gelacht hatte, forderte uns auf, uns zu setzen und bot uns ein Stück Gurke an, er war dabei, eine zu essen. Wir wollten nicht, setzten uns dann aber zu ihm auf den verdreckten Boden, viel Platz blieb uns nicht. Meine Hand landete dabei auf rauen, brennenden Bröseln aus Bauschutt, ich zog sie schnell zurück, doch etwas brannte leicht weiter.

Nun saßen wir da und warteten.

Wenn man unter anderen Umständen vom Regen ins Trockene kommt, und er so nett aufs Dach trommelt, fühlt man sich richtig geborgen und eine ganz besondere, urtümliche Gemütlichkeit macht sich breit. Aber da hat man dann auch trockene Kleider zum wechseln und schön warme Decken, in die man sich hineinkuscheln kann. Mit Glück sind da auch Leute, die man mag, oder man hat zumindest seine Ruhe. Hier dahingegen tropfte es von der Decke, der Muffgeruch und die Fremden, die, allein weil wir sie nicht sehen konnten, schon seltsam erschienen. Ihre uns unverständlichen Witze und ihr kollektives Lachen potenzierten außerdem das Gefühl der Entfremdung.

Meine Hand brannte noch immer, weshalb sich der unheimliche Eindruck ihn mir festigte, dass wir in irgendwelchen dubiosen Splittern herumsaßen, in möglicherweise verseuchtem Material, und es wahrscheinlich einen Grund gab, warum dieses Haus nicht mehr bewohnt wurde…

Der Regen wurde noch schlimmer, es war nicht zu glauben, dass der Himmel so eine Masse an Flüssigkeit beherbergen konnte. Die Zeit lief einfach weiter, endlos, zäh, als würde es nie mehr anders werden. Wir schwiegen wieder vor uns hin, aber es war ein anderes Schweigen als das auf der Straße, es war ein unangenehmes Schweigen, fast wie ein Luftanhalten, und dann hielten wir es nicht mehr aus. Wir flüchteten, Wind und Regen schlugen uns ins Gesicht. Das Wasser auf der Straße stand inzwischen in den Senken kniehoch, wir wateten einfach hindurch, immer weiter, wie Räumfahrzeuge, im Takt zum Quietschen der Schuhe, das manchmal von tiefen Pfützen verschluckt wurde. Immer weiter gingen wir auf der zum Fluss gewordenen Straße, nicht so genau wissend, was das bringen sollte, und trotzdem froh, „entkommen“ zu sein. Der Regen wusch auch das brennende Bröselmaterial von meiner Hand, und später, im Licht, war auf wundersame Weise gar nichts zu sehen, kein Ausschlag, kein Spreißel, alles einfach weg.

Doch noch gab es nirgends Licht, nur Dunkelheit und Nässe. Wir hofften, dass wir wenigstens die Richtung zum nächsten Ort eingeschlagen hatten, denn es waren sicher wieder 30 Minuten vergangen, ohne dass sich etwas tat. Aber wir waren auch langsamer als vorher, oder wir hatten das Zeitgefühl verloren in unserer Gleichförmigkeit, Wiederholung um Wiederholung, eine Reise, eine Ewigkeit. Nun waren wir nicht nur nass bis auf die Haut, sondern bis unter die Haut, aufgequollen war sie, und unsere Fingerspitzen faltig von der Nässe.

Dann kamen endlich, schemenhaft, ein paar Häuser in Sicht, echte Häuser, nicht nur verfallene Überreste! Wir hatten den Ort erreicht! Aber es war immer noch mitten in der Nacht, alle Häuser waren dunkel, wir sahen aus wie Zombies und verkörperten sicher den Albtraum der hiesigen Bewohner. Was konnten wir tun?

Wir blieben bescheiden und hofften lediglich auf ein Bushaltestellenhäuschen, auf ein Café, das seine Markise aufzurollen vergessen hatte oder auf irgendein Vordach, unter dem wir uns auf einen Treppenabsatz setzen konnten. Aber es sah nicht danach aus, als ob wir fündig würden. Der Ort war klein, bald würde wir durchgelaufen sein… Wenn hinter dem nächsten Knick der Straße wieder nichts kommen würde, könnten wir uns genauso gut einfach auf die Straße legen um auf ihr davonzuschwimmen wie Treibholz. Kaum noch hoffend bogen wir also um die Ecke und da sahen wir es. Ein Licht! Unsere Rettung! Es lebe die moderne Zivilisation. Und ausnahmsweise auch der Kapitalismus. Denn was wir vor uns sahen, bot uns Schutz und Trockenheit! Wir  stürmten darauf es los, das Licht am Ende des Tunnels. Zwar waren wir auch hier nicht allein – ein älterer Mann lag in einer Ecke und drehte im Halbschlaf eine Plastikflasche hin und her, die er als Kissen zu benutzen versuchte. Aber es war trocken. Es war hell. Es war steril. Es war eine Bank!

Wir hängten einen Teil unserer Kleider zum Trocknen über die Automaten. Schon bald waren die großen Scheiben vollkommen beschlagen und die Sicht nach draußen vernebelt. Schlaf zu finden war auch hier nicht gerade leicht, aber wir waren immerhin keine Höhlenmenschen und keine Heimatlosen mehr, die den Naturgewalten ausgeliefert waren.

Als es dämmerte, wurden die Scheiben wieder klarer, und wir sahen, dass der Regen aufgehört hatte. Schnell verließen wir die Bank, bevor der schlafende „Patron“ unser Eindringen bemerken konnte, und stellten uns, noch immer feucht und muffig, an den Straßenrand. Es war höchstens 8 Uhr morgens, an einem Sonntag, und wir waren im Nirgendwo. Nicht gerade die beste Vorraussetzung, um zu trampen. Außerdem sahen wir ziemlich übel aus, da machten wir uns keine Illusionen. Aber wir waren immerhin Mädchen. Und wahrscheinlich konnte gerade deshalb das Wunder geschehen. Weil wir im Grunde unseres Herzens doch keine knallharten Abenteurer waren, sondern eigentlich ganz nette Mädchen, die selbst als Zombies noch Vertrauen erwecken oder vielleicht auch nur Mitleid erregen konnten. Eine Frau hielt an, nahm uns mit und fuhr – ausgerechnet – genau in unsere Stadt! Auf der Strecke von etwa 130 km feuchteten wir nachhaltig ihr Auto ein, zwar mit etwas schlechtem Gewissen, aber gleichzeitig froh, auf dem Weg zurück in die „Normalität“ zu sein!

Veröffentlicht in: Blog

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