Leben ohne Garantien

Etwas scheine ich so langsam zu verstehen. Und zwar, dass ich mich damit abfinden muss, kein „normales“ Leben zu führen. Und zwar nicht nur jetzt sondern möglicherweise nie.

Wenn ich mich weiterhin dazu entschließen sollte, eigene Projekte machen zu wollen, werde ich nie dauerhaften Sicherheiten haben oder in festen Strukturen leben. Es wird nie „besser“ werden. Die Sorgen und die Ungewissheit werden bleiben. Ich werde nie fünf Tage in der Woche „beschäftigt“ sein und dabei ein von anderen bestimmtes Soll erfüllen. Ich werde weiterhin keine klaren, regelmäßigen Ergebnisse vorweisen können, die beweisen, dass ich etwas Sinnvolles oder zumindest Notwendiges getan habe. Auch auf ein regelmäßiges Gehalt, das existenzielle Sicherheit bringt, muss ich verzichten.

Was ich mache, ist selbst für mich schwer fassbar. Ein endloser Raum für Zweifel. Es gibt weder für die Quantität noch die Qualität meiner „Produkte“ Maßstäbe, die ich zu Rate ziehen kann. Dann ist ein Ergebnis kaum erkennbar und ich habe das Gefühl, ich tue zu wenig, oder ich frage mich, was ich nur die ganze Zeit gemacht habe.

Ich frage mich zum Beispiel, was ich das letzte halbe Jahr in Lauenburg gemacht habe, als ich Zeit hatte, mich mal nur meinen Projekten zu widmen. Was ist faktisch, „unter’m Strich“, dabei heraus gekommen? Solche Bewertungsmaßstäbe versagen, was ich getan habe, lässt sich kaum greifen, vor allem, weil meine Arbeit unmittelbar nichts an meinem Leben geändert hat. Ein Ordner voll Papier ist faktisch einfach nur ein Ordner voll Papier, mehr nicht. Vielleicht ist er auch etwas anderes, kann etwas anderes werden. Aber ob, wie oder wann? Nichts davon steht fest.

Erst jetzt, wo ich langsam begreife, dass ich auf unbestimmte Zeit oder sogar für immer in einer unklaren Situation verharren muss, merke ich, wie sehr mir das eigentlich widerstrebt und dass ich diese Art von Existenz eigentlich gern eines Tages überwinden würde und sie mir bisher auch immer nur als Übergangslösung vorgestellt habe. Als Phase, bis man irgendwie „Fuß gefasst“ hat. Aber was bedeutet Fuß fassen im klassischen Sinne, wenn man im kreativen Bereich an eigenen Projekten arbeitet? Dass man sich damit finanzieren kann? Oder dass man Anerkennung findet? Anerkennung von wem?

Wir Leben in einer Welt, in der man leicht den Eindruck vermittelt bekommt, dass man ohne Leistungsbereitschaft und ohne Erfolg untergeht.
Das habe auch ich verinnerlicht.
Aber diese Begriffe sind diffus. Leistung lässt sich bei Menschen nicht in Mhz oder RAM messen, man kann sich nicht „tunen“ lassen.
Das Ziel, auf das man hinarbeiten soll, hat keine klare Form. Man kann darum auf dem Weg zum Ziel eigentlich keine Sicherheit finden und das erzeugt Angst. Angst schafft Anpassungsbereitschaft. Und diese widerrum weniger Freiheit.

Die Freiheit wollte ich mir bewahren und habe mich aus Überzeugung für meine eigenen Projekte und gegen die Sicherheit, z.b. in Form einer Festanstellung entschieden. Ich dachte auch, ich wäre relativ immun gegen die „Angstmaschine“. Darum hat es mich überrascht, zu erkennen, dass ich doch mehr unter der Unsicherheit in meinem Alltag leide, als ich dachte, und dass ich meine Existenzängste indirekt ausagiere, indem ich mich unter Druck setze oder von einem seltsamen Ehrgeiz getrieben bin, der oft mehr blockiert als vorantreibt.

Wenn ich also denke, dass ich nicht genug tue und als Folge der Unzufriedenheit z.B. unkreativ werde oder in Alibiaktivitäten verfalle, liegt es wohl daran, dass ich dem Leistungsdenken nicht entkomme und mir unbewusst von Erfolg auch mehr Sicherheit und mehr Struktur erhoffe. Erfolg schafft aber nicht unbedingt Sicherheit, am ehesten vielleicht finanziell. Aber auch das nur als Etappe, ohne Garantien für die Zukunft…

Meine schlimmste Befürchtung ist also bereits eingetroffen.
Nichts wird sich ändern. Alles bleibt, wie es ist…

Aber gerade weil ich mich jetzt mit dieser Tatsache abfinden muss, kann ich seltsamerweise dem ewig unklaren Leben auf der Schwelle recht gelassen entgegen sehen. Ich muss nicht mehr permanent darauf hinarbeiten, dass etwas „besser“ wird. Ich liefere mich nicht mehr dem Stress aus, unbedingt vorankommen zu müssen, Ergebnisse zu produzieren oder „messbaren“ Erfolg zu haben. Persönlicher Erfolg ist wichtiger.

Passend dazu habe ich auch am Tag meines Rück-Umzugs nach Hamburg von einem Kluge-Sprüche-Verkäufer dieses Zitat gezogen:

„Wer ungetrübt und heiter sein will, der muss eines besitzen: die innere Freiheit“
(Meister Eckhart)

Veröffentlicht in: Blog

11 Gedanken zu „Leben ohne Garantien

  1. clairewalka sagt:

    Vorübergehend würde ich das vielleicht machen. Aber bei dem Gehalt hat man auch immernoch Geldsorgen, vor allem, wenn man nicht Vollzeit arbeitet. Eine Erfolgsstory ist ein Kassiererjob ja nun auch nicht gerade… Darum geht’s ja.

  2. clairewalka sagt:

    Also auch darum, dass man als Student, wenn man so Jobs macht, denkt, dass man ja nicht für immer so einen scheiss zum Geldverdienen macht. Darum studiert man ja. Aber am Ende landet man dann vielleicht doch wieder an der Klingelkasse…

  3. clairewalka sagt:

    Das mit HL hatte ich mir ja auch eher so just for fun überlegt, dass man z.B., wenn man irgendwo ein Stipedium hat, arbeitet, um an dem Ort noch was vom „normalen Leben“ mitzubekommen. Aber auf solche Jobs angewiesen zu sein um davon zu leben, ist beklemmend…

    Wenn ich nicht am Existenzminimum leben muss, finde ich ein unstrukturiertes bzw. selbst strukturiertes Leben ok. Ich bin ja auch froh darüber, selbst entscheiden zu könnnen, wann ich was mache. Auch wenn das nicht unbedingt jeden Tag sein muss, bzw. nicht unbedingt immer als reines Heimspiel mit meinem Computer…

  4. Ilona sagt:

    Liebe Claire Walka, ich denke Du sprichst vielen – und auch mir – aus der Seele. „Innere Freiheit“ ist das Stichwort, wahrscheinlich genauso wie „äußere Freiheit“ (sprich materielle Sicherheit). Nur, dass die „innere Freiheit“ in unserer Gesellschaft so gut wie keine Priorität hat – ja, viele Menschen sind sich noch nicht einmal bewusst, dass es so etwas gibt und dass es sich lohnt, diese zu erlernen. Ja, dass das vielleicht mit ein Sinn unseres Lebens sein könnte. In diesem Sinne wünsche ich – gerade jetzt zur Weihnachtszeit – allen, die danach streben, dass sie nicht verzagen mögen. Ein fröhliches 2011! Gruss, iLona

  5. clairewalka sagt:

    Liebe Ilona, ja, auch ich wünsche allen viel innere Freiheit für 2011, bzw. mehr innere Freiheit für jeden! Man darf sich einfach nicht diesen komischen Ängsten unterwerfen, die wahrscheinlich nur kultiviert werden, damit Leute ihre „Pflicht“ erfüllen. Z.B. sich finanzieren, notfalls mit Dumpinglöhnen, bevor ein anderer den Job bekommt…
    Dir auch alles Gute fürs neue Jahr!

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