Recycelte Dichtung

Heute ist mal wieder Kaiser-Wilhelm-Zeit. Um nicht von seinem ohrenbetäubenden Tuten aus dem Schlaf gerissen zu werden, welches er meist genau vor meinem Fenster ausstößt (mit Dampfwolke!), stehe ich inzwischen samstags, unabhängig von den vorabendlichen Aktivitäten, spätestens kurz vor 9 Uhr auf.

Während sein Tuten sich in einem wellenartigen Echo die Elbe hinab windet, ertönt gleichzeitig das für meine Ohren ziemlich unerträgliche Dampf-Geräusch des Antriebs. Es klingt, als würde etwas gewaltsam eingesaugt, aufgekocht, zerteilt und ausgespuckt…

fffffschlschsssfffffffflllsssschschfffsssssschslffflllsschlschsssfff…

Wer sind wohl die Leute, frage ich mich dann, die morgens um 9 Uhr schon auf so einem Schiff herumfahren und dieses Geräusch ohne Gänsehaut ertragen? Gisela, Hannelore, Norbert und Dieter?

Dieter! Eine Assoziationskette.
Denn dazu fällt mir ein, dass ich letztes Jahr bei einem Wettbewerb zum Thema „Über die Dichtung“ mitgemacht habe. Ausgeschrieben hatte den Wettbewerb ein Hersteller von Dichtungsmaterial. Nach dem Motto „Wir sind ebenfalls Dichter“.
Der Titel meines Gedichts war „Dieter“.

Leider habe ich nichts gewonnen. Denn: Es gewann nur ernst gemeinte Dichtung!

Wild, wirr, melancholisch, sinnlich, wehmütig, „Blut“ oder „Fleisch“ erwähnend, oder sich zumindest reimend. Ich glaube überall war das Dichten selbst Thema. (Aha, darauf wollten die Macher also hinaus…)

Die Gewinner waren also richtige Dichter, wahre Künstlernaturen!!!!!
Da kann ich leider nicht mithalten.

Weil man im Leben aber ungern Dinge völlig vergeblich macht, nutze ich die Gelegenheit, mein Dichtungs-Gedicht extra für Euch noch mal ganz privat zu veröffentlichen!

Dieter

Er war nicht vorteilhaft abgedichtet,
auf dem Foto, das er mir schickte –
mit Dichtungsringen unter den Augen,
schielte er in zwei verschiedene Dichtungen.

Doch die helle Farbe dieser Augen
ließen sein Gedicht strahlen,
und so dichtete ich nicht weiter
über sein dicht gewordenes Haar.

Er lud mich kurzerhand zum Essen ein,
und kochte uns ein exotisches Gedicht.
Und wie Irrdichter bei Nacht und Nebel
erkundeten wir dichtungslos unsere Herzen.

Er war der Dichtspalt in der Nacht,
der unter meiner Tür ins Zimmer lugt.
Die Dichtung in einem dunklen Wald,
auf der einen die Sonne lieblich kitzelt.

Doch als wir gemeinsam begannen,
uns eine Wohnung einzudichten,
fraß die Uneinigkeit unsere Liebe,
wie ein Aktenverdichter das Papier.

Das Schönste was von uns blieb,
waren ein paar Doppelbedichtungen,
kein Kautschuk konnte die Zukunft kitten,
die wir uns einst erdichtet hatten…

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