Flüchtiger Asphalt – Poetry Film

geplante Länge ca. 6 min.

 

Flüchtiger Asphalt

Das Weite suchend, rastlos getrieben
ein ganzes Leben auf Zwischenstation
Heimat flüchtig auf Asphalt geschrieben

Zwischen Adrenalin und Angst zerrieben
ringt Erinnerung mit falscher Fiktion
das Weite suchend, rastlos getrieben

Darauf trainiert, nicht mehr zu lieben
Endorphine statt echter Passion
Heimat flüchtig auf Asphalt geschrieben

Blinde Beschleunigung auf der A7
ziellose Geisterfahrt ohne Vision
das Weite suchend, rastlos getrieben

Während sich Horizonte verschieben
verfährt sich im Innern die Illusion
Heimat flüchtig auf Asphalt geschrieben

Reifenquietschen als Chance auf Frieden
knapp vor der Ausfahrt Depression
das Weite suchend, rastlos getrieben
Heimat flüchtig auf Asphalt geschrieben

 

Konzept

Diese von mir geschriebene Villanelle soll im Film gesprochen werden und auch visuell als typografisches Element auftauchen.

Ich habe bewusst diese alte Gedichtform aus dem 16. Jahrhundert gewählt, inklusive Reimen, damit ein Clash aus alter Form und modernen Bildern entsteht. Das Gedicht soll auch noch ins Englische übersetzt werden, ohne dass die strenge Reim-Form aufgegeben wird, was eine Herausforderung ist, so dass ich Hilfe von muttersprachlichen Übersetzern benötige. Der Clip wird dann zweisprachig sein.

Ich arbeite bei experimentellen Videos immer sehr intuitiv, vieles entsteht beim Machen, beim Forschen mit der Kamera und durch Ausprobieren. Ich werde sowohl Videos wie auch Fotos aufnehmen, je nach Motiv:

Autobahnen, Asphalt, Leuchtreklamen, Unschärfen. Glasfassaden, Rollkoffer, Unterführungen, Anonymität… Grafische Straßenmarkierungen verschmelzen mit Lichtern und Landschaften, schnelle Bewegungen unterbrochen von Stillstand…

Der Film vereinigt Fotos, Bewegtbild, animierte Collagen und visuelle Textzeilen zu einem vielschichtigen Konglomerat. Überlagerungen, Jumpcuts, Bildteilungen, Zeitlupe.

Dazu der gesprochene Text. Wie ein Mantra, um durchzuhalten. Gegen Ende verweben sich die Stimmern und Sprachen immer mehr ineinander.
Die Zweisprachigkeit schafft neben der Möglichkeit, beide Sprachen einfach als Klang wahrzunehmen, durch die englische und damit international verständliche Fassung auch eine größere Allgemeingültigkeit – denn Heimatlosigkeit und Nicht-Ankommen spiegeln im Grunde unsere getriebenene Gesellschaft sowie eine globalisierten Welt, in der zunehmend jeder mit jedem konkurriert.

Durch Sampling sollen auch die Geräusche zu einem eigenen Rhythmus werden , der stellenweise durch musikalische Elemente ergänzt wird, mal dichter, mal melodischer, aufbrausend und abebbend.

 

SONSTIGES

Mit Hilfe des Hilfsfonds Kultur hält zusammen der Dorit & Alexander Otto Stiftung gemeinsam mit der Hamburgischen Kulturstiftung, habe ich mich mit alternativen Präsentations-möglichkeiten von Literatur im Lockdown beschäftigt.

Ich wollte eine Form finden, die mehr Stimmung erzeugt als eine einfache Onlinelesung, welche wie ein „billiger Ersatz“ für die Live-Veranstaltungen wirken kann und wovon es eine Zeit lang auch inflationär viele gab.
So habe ich mich auf die Suche gemacht, wie man Literatur in  Corona-Zeiten anders vermitteln kann. In dem Zusammenhang habe ich Verschiedenes ausprobiert und es funktioniert für mich am Besten und Prägnantesten in einem künstlerisch-experimentellen Poetry Film, vor allem, wenn sich darin auch visuell Poesie entwickelt und alltägliche Sehgewohnheiten gebrochen werden.
Natürlich eignet sich auch nicht jeder Text dafür. So war mein Ansatz, meine eigenen fiktiven Prosatexte in eine neue, inhaltlich geballte Form zu bringen, z.B. in Lyrik, wodurch sich die Stimmung, die Handlung oder die Leerstellen verdichten, und dadurch ganz anders – intuitiv – aufgenommen werden können, was die Kombination mit Bild, Ton und Musik noch verstärkt.

In dem Zusammenhang ist die Villanelle Flüchtiger Asphalt entstanden, die ich jetzt durch die Entwicklung des Poetry Film visuell spürbar machen will. Denn auch wenn der Lockdown derzeit ein Ende hat, bleibt für mich die Form des Poetry  Films eine ganz eigene Art, Literatur zu vermitteln, einfach, weil sie alle Sinne gleichermaßen anspricht und verschiedene künstlerische Dimensionen hat.